Es ist eine dunkle Welt, die sich die Lebenden, die Toten und die Geister teilen. In dieser Welt ist Milo unterwegs. Er will ein Held sein. Was kann es besseres geben?
Aber Helden sind nie besonders gelitten, noch weniger, wenn sie Menschen sind. Und noch viel weniger, wenn sie die Regionen der Geister betreten. Doch Milo ist niemand, der sich ins Bockshorn jagen lässt. Die ersten, die versuchen, ihn aufzuhalten, müssen ihren Hochmut mit dem Leben bezahlen. Milo ist noch lange nicht an seinem Ziel. Bald stellt sich heraus, dass er der Auserwählte ist. Als solcher sind die Geister, die er auf seinem Weg besiegte, kleine Fische. Seine wahre Aufgabe ist viel größer. Vielleicht zu groß für ihn?
An Milos Seite ist Lin, eine magisch begabte Fee, und Alkuin, ehemals ein Gott und Kämpfer, nun ein alter Mann, der die jungen Leute anleitet und seine letzte Reise antritt. Nichts in dieser Gruppe ist, wie es zu Beginn scheint. Jeder der drei macht eine Wandlung durch. Am Ende steht Respekt und Zuneigung, wo keine vorher war und sogar Feindschaft, als einer, der sein Leben für die anderen gab, von den Toten zurückkehrt.
Die Welt von The Portent ist ungewöhnlich anders erzählt, als der Leser es von anderen Fantasy-Events her kennt. Diese Welt ist düsterer, einsamer. Die Lebewesen leben in einer seltsamen Form von Dunkelheit. Zwar gibt es den Tag- und Nachtwechsel, aber trotzdem entsteht der Eindruck einer ewig währenden Dunkelheit.
Diese Atmosphäre steigt von Kapitel zu Kapitel. Milos Gang hin zum Abenteuer, um seinen Status als Auserwählten zu erfüllen, ist wie ein Abstieg zur Hölle. Wer sich im Bereich von Fantasy-Comics umgetan hat, könnte möglicherweise einen Vergleich zu Die Gefährten der Dämmerung ziehen. Die mythische Atmosphäre ist ähnlich. Sie ist hier nicht direkt greifbar. Es gibt für den Leser keinen Halt an bekannten Elementen.
Das macht The Portent zu etwas ganz Besonderem. So manche Begegnung währt nur kurz. Andere Autoren würden aus einer aufmarschierenden Armee oder einem Baumgeist, der ein Kind entführt eine längere Episode machen. Autor und Zeichner Peter Bergting überrascht den Leser, indem er es, als wäre es die normalste Sache der Welt, eher wie in einer Fußnote abhandelt oder den Abschnitt im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Knall beendet.
Bergting erklärt nicht. Der Leser wird zum Reisebegleiter. Er wird gezwungen, die Welt mit Milo zu erfahren. Es ist eine seltsame leere Welt. Sie verfügt nicht über überbordende Fantasy-Städte, es findet sich nicht einmal ein Gehöft auf ihrem Weg. Die Protagonisten, und so auch der Leser, erfahren zwar, dass die Menschen aus einem nahe gelegenen Dorf einem Baumgeist ein Kind opfern wollten, doch die Menschen selbst werden nicht gezeigt. Durch diesen Mangel an Leben oder auch Lebewesen bleibt die Landschaft leer und wird zu einem (Alp)Traumgebilde.
Allerdings wird die Welt auf diese Art selbst zu einem Darsteller. Anfangs ist sie einfach nur leer, später wird sie durch die unwirtliche Umgebung sogar zu einem Feind. Als die Helden die andere Welt betreten, um ihre eigene zu retten, wird dieser Aspekt noch viel offensichtlicher.
Ein sehr schöner Einfall ist der des sprechenden Raben, eine Tierart, die in der nordischen Mythologie an der Seite eine wichtige Rolle spielen und der auch hier eine ähnliche Aufgabe erfüllt. – Ich hätte mir ein bißchen mehr dieser tierischen Protagonisten gewünscht, weil es ganz wunderbar am Beispiel des Raben in die Geschichte hineinpasst.
Darf man sagen, dass die Geschichte ein wenig Schwermut umgibt?
Zieht man die Heimat von Bergting in Betracht, findet sich hier tatsächlich jener Schwermut der skandinavischen Länder, der Filme von Ingmar Bergman oder Wallander-Krimis durchströmt.
Das Leben fällt schwer in dieser Welt, weil Leben irgendwie nicht akzeptiert wird. Milo, der Held, nimmt lieber eine andere Herkunft an, als seinen eigenen Weg zu gehen. Allerdings nimmt er die fremde Identität mit aller Konsequenz an. So gesehen ist der vorliegende Band, je mehr man in The Portent in der Tiefe gräbt, ein sehr intelligenter Comic.
Am Ende steht die Hoffnung und die Aussicht auf etwas Besseres – was das sein kann, bleibt offen. Die aufgehende Sonne vertreibt die Schatten aus dem Tal. Ein schönes Bild und ein schöner Schluss nach einem fulminanten Showdown.
Der zeichnerische Stil von Peter Bergting folgt einer modernen Darstellungsweise, die ein Mike Mignola so populär gemacht hat. Dieser Stil wirkt leicht, ist etwas abstrahiert, er deutet manchmal nur an und wirkt, ganz gleich ob schwarzweiß oder in Farbe immer ein wenig düster.
So ist es auch kein Wunder, dass Peter Bergting auch schon für Hellboy gearbeitet hat. Sein Stil fügt sich wirklich auf das Beste in das bestehende Hellboy-Universum ein.
Noch ein kurzes Wort zur angehängten Bildergalerie.
Darin findet sich auch ein Bild von Michael Wieringo, der mit seiner Illustration seine Vorstellung von Milo, Lin und Alkuin zeigt. (Wieringo trat als ein wirklich guter Zeichner der F4 in Erscheinung.) Dieser vollkommen entgegengesetzte Stil zu Bergting zeigt sehr schön, wie die Zeichnungen eine Geschichte beeinflussen. Wieringo wirkt optisch eher etwas disneyhaft, so dass bereits die Illustration etwas schmusig märchenhaftes hat.
Bergting hingegen erzählt hart und kompromisslos und verdeutlicht das durch seine Zeichnungen. – Aber er erzählt auch nicht ohne Humor. Herrlich wie der große Held gegen den Baumgeist antreten will und auf recht einfache Weise gestoppt wird.
Eine andere Fantasy, mit skandinavischer Schwermut und fernöstlicher Melancholie, spannend, tragisch, abenteuerlich und voller phantastischer Einfälle, präsentiert in kalten bis feurig glühenden Farben. So kann über das Ende der Welt auch erzählt werden. Sehr gut!
The Portent – Das Reich der Geister: Bei Amazon bestellen