Antiplona, ein Planetoid, dessen Angebote viele Vergnügungen für Durchreisende bereithalten, wirkt wie ein riesiges im All schwebendes Schmalzgebäck. Andere nennen es das Glücksrad. Es herrscht ein beständiges Kommen und Gehen. Und irgendwo in diesem Durcheinander hat sich eine Künstlerin unter dem Namen Suprema Power einen Namen gemacht.
Leutnant Iron Ferr glaubt felsenfest in der Künstlerin Suprema Power seine ehemalige Gefährtin Gal wiederzuerkennen. Ihm gelingt es, ein Treffen mit ihr zu abzumachen, aber der Funke springt nicht über. Nichts verrät, ob es tatsächlich Gal ist oder ob sie ihre Identität absichtlich verschleiert.
Derweil hat ein sehr energisch auftretender Mann ein viel größeres Problem. Jemand will ihn umbringen. Dieser Umstand ist auf Antiplona nichts wirklich Besonderes. Aber die Hartnäckigkeit beider Seiten, jene der Verfolger wie auch des Verfolgten, ist außergewöhnlich. Mitleid mit dem Mann, der sich selber Joda nennt, ist nicht vonnöten. Mit der gleichen stoischen Ruhe, mit der er verfolgt wird, hat der fremde Mann mit der undurchdringlichen Brille eine Bombe in einem Massage-Salon gelegt. Der Platscher, den er in einer seltsamen Lebensform hinlegt und die sich durch einen Schuss in eine Art überdimensionales Rührei verwandelt, ist zwar keine Strafe, so doch wenigstens eine unangenehme Nebenerscheinung seines Jobs.
Während sich ein Bandenkrieg in den verschlungenen Distrikten von Antiplona immer weiter ausweitet, erzählt Iron der Künstlerin von seiner früheren Partnerin Gal. Die Erinnerung daran spült vergangene Verlust- und Schuldgefühle nach oben. Viel Zeit bleibt Iron nicht, um zu überlegen, wie er Surpremas richtige Identität lüften kann. Vor seinen Augen kommt es zu einem Entführungsversuch. Die Halunken haben die Rechnung allerdings ohne die bemerkenswerten Fähigkeiten Surpremas gemacht. Ehe sich die Angreifer versehen, ist sie bereits auf der Flucht – geradewegs dorthin, wo schon ein anderer Verfolgter unfreiwillig gelandet ist und sich fragt, wie er von dort wieder entkommen kann.
Mit Die vierte Macht – Band 2: Mord auf Antiplona beweist Juan Gimenez seine gestalterische Stärke auf herkömmliche Art, die Arbeiten, die sich heutzutage auf den Kollegen Computer verlassen, ganz schön alt aussehen lassen. Sicherlich hat die Computerkolorierung ihre Vorzüge und kann ähnlich tolle Ergebnisse erzielen. Doch das Organische, einen halbdokumentarischen Charakter dieser Aquarell-Technik, der sich schon in alten Bildern von Reiseberichten findet, kann eine Computerkolorierung nur schwer erreichen – selbst mit Programmen, die solche Techniken nachahmen, nicht. Echte Farbe und Wasser gehen schon mal eigene Wege und schaffen so sehr augengefällige Effekte.
Eine solche Verfahrensweise gepaart mit dem Einfallsreichtum von Giminez zeigt ein Talent, dass jeden Science Fiction-Film zu einem Ereignis machen würde. – Jedenfalls ist es erstaunlich, dass Gimenez’ Arbeiten noch keinen Einfluss auf ein entsprechendes Szenario haben durften. Seine Vorstellungen von SciFi hätten eine erfrischende Wende in das Medium herbeiführen können.
Genug spekuliert und geträumt, zurück zum Medium Comic.
Es gibt detailverliebte Zeichner, und es gibt Gimenez. Er scheint von Details besessen zu sein. (Und das ist gut so!) Das betrifft nicht nur die Äußerlichkeiten eines Ortes oder eines Gegenstandes, sondern es betrifft tatsächlich auch seine Funktionalität. Wer sich nur die Eingangssequenz des vorliegenden Bandes betrachtet, wird diese Aussage bestätigen. Die einseitige Ansicht der Anflugzone von Antiplona zeigt eine kreisrunde städtische Anordnung, in der es nur durch die Rotation der Station die erforderliche Schwerkraft gibt. Wer das Raumschiff stehenden Fußes verlassen will, ist zuerst einmal auf Gravitations- oder Magnetschuhe angewiesen, die ihn an Deck halten. An einer vorgegebenen Stelle dürfen die Ankömmlinge auf die Schuhe verzichten. In vorgefertigten Klammern bleiben die Schuhe zurück. – Die funktionale Ausrichtung seiner Bilder findet sich durch eine Bilderfolge auf seiner Homepage untermauert. Dort verwandelt sich ein Koffer in einen Roboter, aus dem wieder eine Feuerwaffe wird.
Wer mag, kann mit dem Auge regelrecht auf Entdeckungstour gehen. Ansammlungen von vernunftbegabten Lebewesen (es tummeln sich ja nicht nur Menschen auf der Station), Technik innerhalb der Station, Raumschiffe und Waffen aus verschiedensten Perspektiven. Beeindruckend ist die Tarnung und spätere Auseinandersetzung eines Raumkreuzers.
Neben der grafischen Vollkommenheit versteht es Gimenez Humor in seine Geschichten einzubauen. Das können durchaus sexuelle Anspielungen sein, die total überspitzt sind. Das können Wesenheiten sein, die beinahe Anspielungen auf bekannte Figuren aus dem Star Wars-Universum sein können. Ein Vergleich zwischen Triple und Jabba ist jedenfalls naheliegend, zumal beide auch noch ein merkwürdiges Schoßtier ihr eigen nennen, das wie eine Abart eines Affen aussieht. Wer sich an dieser Stelle noch keine Gedanken dazu macht, könnte spätestens bei der Sequenz in der Kloake der Station Vergleiche ziehen.
Aber Gimenez spinnt den Faden weiter. Die Lebensformen in der Kloake, eine Form von außerirdischen Piranhas, stellt ihre Tödlichkeit auf sehr drastische Weise unter Beweis.
Humor ist nicht alles, aber eine wichtige Zutat, die Gimenez treffend einzusetzen weiß. Bei all der Komplexität seiner Erzählung bleibt natürlich auch die Spannung nicht auf der Strecke. Die Flucht, die ungefähr zur Halbzeit der Geschichte einsetzt, hat alles, was so ein Run braucht. Diese Sequenz mündet in einer derart opulenten grafischen Gestaltung, dass einem ruhig der Mund vor Staunen offen stehen darf – vor allem immer vor dem Hintergrund, dass Kollege Computer hier zurücktreten musste.
Juan Gimenez ist einfach nur ein Comic-Zeichner, sondern auch ein Künstler in bestem Sinne, der sein Talent nutzt, um Welten zu erschaffen. Seine großartige Phantasie schafft Phantastisches. Die vierte Macht ist nur die Spitze dieses Eisberges. Wer einmal sehen möchte, was Comic bedeuten kann, muss diese Geschichte lesen. Gimenez-Fans kommen an diesem Werk sowieso nicht vorbei. 😀
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