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Comic Blog


Samstag, 01. März 2008

Als die Zombies die Welt auffraßen

Filed under: Mystery — Michael um 15:18

Als die Zombies die Welt auffraßenIm Jahre 2064 haben sich die Toten wieder aus ihren Gräbern erhoben und wandeln unter den Menschen. Entgegen altertümlicher Horrorgeschichten sind diese Wesen nicht darauf bedacht, die Lebenden zu fressen. Deshalb werden sie auch nicht bekämpft. Den meisten Toten reicht ein gemütliches Plätzchen vor dem Fernseher vollkommen aus.
Allerdings vertragen sich die zurückgekehrten Toten nicht immer sehr gut mit den Lebenden. Eigentlich sind die Toten auch ganz schön lästig. Ganz besonders wenn sie herumlungernde Schwiegerväter sind und die eigenen Kinder ermahnt werden müssen, nicht auf den Verstorbenen zu schießen – obwohl diesem das vollkommen gleichgültig ist.

Natürlich kann man versuchen, die Zombies – oder wie es auf Neudeutsch heißt: Vital Beeinträchtigte – diskret, mehr oder weniger jedenfalls, aus dem Weg zu räumen. Nur, erlaubt ist das nicht. Die wenigen Zombie-Beseitiger agieren demnach am Rande der Legalität und sind selbst reichlich merkwürdige Vögel.
Einer von ihnen ist Karl Neard, ein selbst ernannter Abenteurer mit Akne, der noch daheim bei seiner Mutter und ihren zwei kleinen Hunden lebt. Die Arbeit allerdings liebt er, außerdem kann er sie bewältigen und sie füllt ihn aus. Und manchmal, ja, manchmal findet er dabei sogar die Liebe seines Lebens – die ist zwar wenig später tot, aber in Zeiten, in denen die Toten zurückkehren, ist die Hoffnung wenigstens nicht vergebens.

Kaum haben sich die Lebenden an die Toten gewöhnt, kommen bereits Umwälzungen in Gang. Es gibt die Vital Beeinträchtigten, die nur herumvegetieren an den alten Schauplätzen ihres Seins, aber es gibt auch jene, die Erinnerungsfetzen mit sich herumtragen, die eine Integration in das gemeinschaftliche Leben geradezu fordern. Tote müssen Rechte haben. Und einen Anführer. Es scheint sogar einer gefunden, doch benimmt er sich nach seiner Wiederauferstehung reichlich seltsam. Und was ist mit Jesus? Und die Apostel? Wenn er nicht jetzt zurückkehren kann, wenn auch alle anderen zurückkehren, wann denn sonst?

Inmitten dieses immer größer werdenden Chaos haben Karl, seine Schwester Maggie und Karls einfältiger Freund, der belgische Koloss Freddy Merckx, alle Hände voll zu tun – und nicht nur das: Sie sind maßgeblich an diesem Chaos beteiligt.
Aber das darf niemand wissen.

Als die Zombies die Welt auffraßen ist ein herrlich, politisch absolut unkorrekter Klamauk. Würden die Monty Pythons Comics gemacht haben, hätten sie mit ihrem Humor ähnliches zu Papier bringen können wie Autor Jerry Frissen und Zeichner Guy Davis, der mit B.U.A.P. und Ausflügen in das Aliens-Universum bereits seine gruselige Seite gezeigt hat.
Komödie, Satire, Gruselgeschichte. Als die Zombies die Welt auffrassen hat vieles zu bieten. In Episoden wird aus dieser Welt und aus dem Leben der drei Hauptdarsteller erzählt. Immer weiter verdichtet sich so das Wissen des Lesers um diese merkwürdige Gesellschaft, die sich mit der Existenz der Toten abgefunden hat. Und langsam wird ein roter Faden sichtbar, den Jerry Frissen mit ziemlichen Genuss spinnt, um letztlich mit dieser Zukunftsfarce unsere Gegenwart aufs Korn zu nehmen.

Besondere Zeiten erfordern nicht nur besondere Maßnahmen. In besonderen Zeiten erhalten auch besondere Menschen Chancen, die ansonsten eher ausbleiben. – Oder: Sie machen sich die Hände mit Sachen schmutzig, von denen Otto Normalbürger lieber die Finger lässt.
Liebe in den Zeiten der Toten entwickelt eine ganz eigene Romantik. Karls beispielhafte Romanze zu einer Vital Beeinträchtigten hat keinerlei Seltenheitswert. Auch andere Auswüchse sind bezeichnend. Darunter auch die des Sammlers, der nun endlich die Gelegenheit erhält, sich mit Stars und Sternchen zu umgeben. Wie in jedem Horrorfilm folgt hier die Strafe auf dem Fuße. Es mag sein, dass sich die Toten auf gewisse Weise steuern lassen. Wenn diese in ihrem ersten Leben vornehmlich Zombies im Film gespielt haben, entsteht daraus eine Qualität, die einen Lebenden durchaus nachhaltig vital beeinträchtigen kann, wie es sich sehr bald zeigt.

Jerry Frissen treibt den Humor auch dahingehend auf die Spitze, als sich ein paar jugendliche Zombies aus reiner Langeweile dazu entschließen, sich wie Film-Zombies zu verhalten. Der Klu-Klux-Klan sorgt sich um die Reinheit der Rasse und hat mit solchen, die mit Zombies verkehren, ein neues Feindbild gefunden. In anderen gesellschaftlichen Schichten ist es schick geworden, zum Zombie zu werden. Öffentliche Selbstmorde oder sogar die Implantation von Zombie-Organen – die Ideen scheinen den Menschen nicht auszugehen.
Frissen zeigt eine Menschheit, die ihrer selbst irgendwie überdrüssig ist. Es gibt plötzlich ein Leben nach dem Tod. Also, welche Fragen sind eigentlich noch offen?

Eine ganze Menge, wenn man Karl, Maggie und Freddy folgt.
Da ist die Liebe. Sie ist wichtiger denn je. Sie hält alles irgendwie zusammen. Daran kann sich einer festhalten, darauf lässt sich hoffen, weil, das zeigt sich zweifellos, nach dem Tod ist die Liebe weg. Verlangen, Dummheit, Gier und viele andere menschliche Eigenschaften mögen in dieser Welt den Tod überstehen, nur die Liebe nicht.
Guy Davis lässt den Leser nicht nur einen Blick auf eine völlig verrückte Welt werfen, sondern auch auf ein Trio, das immer sympathischer wird. Karl, Freddy und Maggie, die Freaks dieser Welt, stellen sich schließlich als die Normalen heraus, jene, die nur den Kopf über all den Wahnsinn um sich herum schütteln können. – Na, ja, und manchmal reißt Freddy auch einen Kopf ab. Das liegt in der Natur der Sache. Und weil er eben ein starker Belgier ist.

Als die Zombies die Welt auffraßen ist eine Collage vieler B-Movie-Geschichten. Es ist eine Hommage an die Zombie-Filme unserer Welt. Es ist eine humorvolle Verbeugung vor drei netten Menschen am so genannten Rande der Gesellschaft. In dieser Erzählung mischen sich Wahnsinn und Methode, für die Autoren wie Tom Sharpe und John Irving Pate gestanden haben könnten. Ein klamaukiger und ebenso intelligenter Spaß bietet sich in diesem Band – sicherlich nicht für jedermann. Aber für Freunde eines herrlich anarchistischen Humors bestimmt. 😀

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