Samstag, 26. Oktober 2024
Einmal ein PARKER GIRL, immer ein PARKER GIRL. Die Frau, die in diesen Kreis eintritt, wird eine lebenslange Familie haben. PIPER MAY ist tot. Ihr Auftrag war es, den Milliardär ZACKARY MAY zu überwachen. Nun wurde ihre Leiche am Strand von Malibu angeschwemmt. Offziell heißt es, PIPER MAY habe zu viel Alkohol getrunken und sei von der Yacht ihres Mannes ins Meer gestürzt. Mitten in der Nacht. Ohne Augenzeugen. Offiziell wird von einem Unfall ausgegangen. TAMBI BAKER, die Chefin der PARKER GIRLS, will dies nicht so einfach hinnehmen und einige Nachforschungen anstellen lassen. Und ihre PARKER GIRLS machen sich an die Arbeit. Denn wie gesagt: Einmal ein PARKER GIRL, immer ein PARKER GIRL …
TERRY MOORE hat sich sein eigenes TERRYVERSE geschaffen. Irgendwie ist so manches miteinander verwoben. Wer zum Beispiel STRANGERS IN PARADISE kennt, wird hier einen kleinen Aha-Effekt erleben. Aber wer noch nichts mit den Geschichten von TERRY MOORE zu tun hatte, wird mit dem Einstieg kein Problem haben, denn er baut seine Handlungen stets so auf, dass Neuleser und alte Hasen gleichermaßen hineinfinden.
Ein klassischer Fall. Eine Frau ist tot. Was ist geschehen? Stimmen die offiziellen Angaben? Oder nicht? Wenn nicht, wer steckt dahinter? Und wie wird das Rätsel am besten aufgelöst? Die hier auftretenden PARKER GIRLS sind nicht die typischen Action-Heldinnen, aber sie sind Spezialistinnen auf ihrem Gebiet, abgerüht, erfahren und weit davon entfernt, ENGEL zu sein. Im Mittelpunkt von TERRY MOORES Geschichten stehen Frauen, tough und häufig in Situationen, die lange Männern in der Unterhaltung vorbehalten waren. Seit längerem hat sich das geändert, womöglich spätestens seit der Mitte der 1990er Jahre. TERRY MOORE hat diesen Faden konsequent aufgenommen und weitergestrickt. Beharrlich wird ein einmal gesetztes Ziel verfolgt, und Zufriedenheit stellt sich erst ein, wenn es erreicht ist. In diesem Fall bedeutet es, den oder die Schuldigen gefunden zu haben.
Die Wahl der Mittel der PARKER GIRLS ist hier ein echtes Überraschungselement für die Leserschaft. Weil sie neben allen anderen Vorzügen, die sie vorzuweisen haben, auch nicht zimperlich sind. Das kann das Eis brechen oder auch einen verstockten Zeugen. Das ist, man gewöhnt sich daran, ihn als Vergleich anzuführen, mit Krimi- und Thriller-Szenarien von QUENTIN TARANTINO vergleichbar. Nicht nur Coolness ist oberstes Gebot, vielmehr existiert ein Mangel an Empathie solchen Menschen gegenüber, die nicht zum erlauchten Kreis der PARKER GIRLS gehören.
TERRY MOORE spannt den Bogen vom Kleinen ins Große. Ganz schlichte familiäre Verbindungen treffen auf die BIG DEALS, die Hochfinanz. Handgemachte Ermittlungen kommen Hightech in die Quere. Und ganz ordinärer Ehezwist zeitigt furchtbare Folgen. Langsam, von Seite zu Seite, nimmt die Handlung immer weitere Züge ein. Hier wurde sorgsam der Rahmen und die immer kleineren Segmente der Geschichte aufgebaut. Zwischendurch explodiert die Handlung in Form von handfester ACTION. Man mag als Leserschaft gedacht haben, dass es jeweils so weit kommen musste. Aber dass es dann geschieht und wie es abläuft, ist kaum vorhersagbar. Die Leserschaft darf sich also auf einige Überraschungen freuen.
Grafisch hat TERRY MOORE seinen Stil schon lange gefunden und diesen beibehalten. Da bekommt die Fan-Gemeinschaft eine gewohnt gute Kost, versiert dargeboten. Eine schöne Technik ist es, die Heldinnen (oder auch andere) direkt in die Kamera sehen zu lassen, die Betrachter mit einzubeziehen. Immer wieder klasse sind Szenen ohne Worte, die einen Charakter verstärken. Eben noch war jemand skrupellos, im nächsten Augenblick verzaubert ein Lächeln das jeweilige Gesicht oder ein Bild aus der Vergangenheit sorgt für Klarheit.
Für alle, die es noch nicht wissen, TERRY MOORE noch nie gelesen haben: Der Künstler arbeitet in Schwarzweiß, farblos. Sind seine Figuren auch nicht mangaesk, kommt der allgemeine Stil dem schon nahe (die Leserichtung ist natürlich westlich geprägt). Das fokussiert sehr auf die Geschichte, das ist grafisch schnörkellos, will eine Geschichte erzählen und bringt die jeweilige übermittelte Information auf den Punkt. TERRY MOORE bedeutet knackige TV-Serie, nicht Cinemascope-Kino. Aber letztlich liegt er damit voll im Trend.
TERRY MOORE zeichnet keine Übermenschen. Es sind die Leute, die Frauen und Männer von nebenan, die einem auf der Straße begegnen können. Sein Frauenbild ist attraktiv, aber nicht übertrieben. Und es ist ein Fest, wenn diese Frauen plötzlich und unerwartet hoch gehen wie eine Bombe und jedes schnuckelige Frauenbild über Bord geht (passendes Wortspiel zur Story). Frauen sind hier mitunter eiskalte Killerinnen (die sich keinen Moment hinter ihren Pendants von der Kinoleinwand versteck müssen; ist schon fast ein Kuriosum, dass TERRY MOORES Geschöpfe ihren Weg dorthin noch nicht gefunden haben).
Du liest den neuen Band von TERRY MOORE und wenn du ihn bisher gemocht hast, wirst du nicht enttäuscht. Und wenn du einen guten Einstieg in seine Comic-Welt suchst, liegst du hier ebenso richtig. Das ist mit viel Herz für die Charaktere erzählt (solche, die die Leserschaft mögen soll, versteht sich) und mit ebenso viel Herz illustriert. Was nicht heißen soll, dass TERRY MOORE seine Figuren schont. Nein, hier muss die Leserschaft auf alles gefasst sein. Und auf eine ordentliche Portion Spannung in jedem Fall! Klare Empfehlung für Thriller-Fans! 🙂
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Youtube-Kanal von TERRY MOORE: https://www.youtube.com/@TerryMooreArt
Tolle Einblicke in seine Arbeit und Zeichentechniken, Storytelling, Emotionsdarstellungen und und und.
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Mittwoch, 23. Oktober 2024
Ein unbekannter Film, alt, noch auf eine Filmrolle gebannt, weckt die Neugier von LUDO. Der Film, dessen Vorbesitzer ganz vernarrt in Verschwörungstheorien war, starb ziemlich banal, als er inmitten seines großen Filmarchivs von der Leiter fiel und sich den Schädel aufschlug. Nun hat LUDO den Raum abgedunkelt, die Filmrolle in den Projektor gefädelt und ist gespannt. Doch der Film ist schrecklich, und je länger LUDO ihn sich anschaut, umso mehr packt es ihn, bis plötzlich, die Welt um ihn herum schwarz wird und er mit Schrecken feststellt, dass er blind ist. In seiner Not greift er zum Mobiltelefon und ruft die erste Nummer an, die auf dem Bildschirm aufploppt. Diese gehört zu LUCIE HENEBELLES, ihres Zeichens Polizeileutnant von Lille. Zu diesem Zeitpunkt ahnt die junge Frau nicht, dass dies der Auftakt zu einem grausamsten Fälle ihres Lebens ist.
Bereits 2012 erschien in Deutschland der Roman ÖFFNE DIE AUGEN von FRANCK THILLIEZ, dessen Comic-Adation von SYLVAIN RUNBERG (Autor) und LUC BRAHY (Zeichner) nun unter dem Originaltitel DAS SYNDROM [E] hierzulande erschienen ist. Der Thriller ist, um es vorweg zu nehmen, für Freunde von Spannungsliteratur, die sich mit Verschwörungsmythen befasst, deren Hintergründe in die Jahrzehnte zurückreichen und es dennoch finstere Gestalten gibt, die ein großes Interesse daran haben, jene furchtbaren Geheimnisse weiterhin zu hüten. Hier wird ein ebensolch weiter Bogen gefasst, nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch zwischen Europa, Nordamerika und Afrika. Denn neben der Ermittlerin LUCIE HENEBELLES wird noch ein weiterer Polizist ins Rennen geschickt, der ebenfalls von FRANCK THILLIEZ ersonnene FRANCK SHARKO.
Zwei sehr unterschiedliche Ermittler mit zunächst unterschiedlichen Zielen sind hier an der Arbeit. Neben den für den Leser verschieden skizzierten Charakteren, gibt FRANCK THILLIEZ den beiden auch ihre jeweils eigenen Päckchen zu tragen. Ist das von LUCIE HENEBELLES noch recht normal zu nennen, ist sie doch Mutter zweier Töchter, hat FRANCK SHARKO ein ganz anderes Problem. Allein damit ließe sich schon ein Roman bzw. ein Comic füllen, würde den beiden nicht ein Fall vor die Füße fallen, wie recht gut zu diesem Monat passt, schließlich steht Halloween kurz vor der Tür.
Stark ist, wie weit verzweigt die Geschichte angelegt wurde, nicht bloß in der Zeit, sondern auch geografisch. Das garantiert dem Auge, dank Zeichner LUC BRAHY, immer neue Ansatzpunkte, allerdings ohne Glanz und Glamour. Das Szenario bewegt sich von der Normalität der Bevölkerung bis hin zum Bodensatz, in schmutzige Gefilde oder in Gegenden, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und deshalb Halunken die Möglichkeit finden, ungestört ihre Verbrechen zu verüben.
Das sorgt für Action, Auseinandersetzung auf Leben und Tod. Wenn eine Drohung im Raum steht, folgen dieser auch Taten. Danach sieht es anfangs nicht aus. Zwar schwebt da diese Brutalität mehr oder weniger sichtbar, aber dass es den ErmittlerInnen an den Kragen gehen könnte, mögen die LeserInnen kaum ahnen. Denn ganz ehrlich: Polizei genießen (trotz vieler gegenteiliger Beispiele in Unterhaltung und Realität) einen gewissen Schutz. Nach dem Motto: Die biegen das hin, müssen aber nicht selbst drunter leiden.
SYLVAIN RUNBERG, adaptierender Autor, baut viele spannungssteigernde Momente aus dem Roman in die Comic-Umsetzung ein, und es wirkt so, als könne tatsächlich jederzeit ein Polizist sich verabschieden. Über die gesamte Länge der Handlung hinweg, ist die Atmosphäre dergestalt, dass sich keiner sicher fühlen kann. Für die Leserschaft ist die Aufrechterhaltung des mulmigen Gefühls natürlich großartig (für solche, die sich gerne gruseln, versteht sich).
LUC BRAHY ist als Autor wie als Zeichner gleichermaßen im Medium unterwegs. Hierzulande kennt der Comic-Fan ihn als Texter der Serie UKAS. Bei DAS SYNDROM [E] ist er als Illustrator dabei. Er vermag sehr schön Gefühle ohne weiteren Text zu transportieren. Besorgnis, Erschöpfung, Verzweiflung, Todesangst, Verärgerung, Lust, Erheiterung und und und. Die gezeigte Gefühlspalette ist sehr weit gefasst und nicht so oft bei Kollegen von LUC BRAHY so zu finden. Der Realismus seiner Bilder fängt den jeweiligen Ort fein ein, was natürlich erst richtig reizvoll wird, wenn die Kulissen wechseln und sich starke Kontraste ergeben. Da herrschen zum Beispiel zwischen französischen und algerischen Schauplätzen starke Kontraste. Insgesamt transportiert sich der vorliegende Thriller für die Leserschaft in einem stimmigen Gesamtbild.
Düster, düster, düster. Ein sehr dunkles Geheimnis, das angesichts des Irrsinns so manch aufgedeckten Skandals und Experimente, die tatsächlich und dokumentiert stattgefunden haben, ebenfalls so passiert sein könnte. Wahrscheinlich hat FRANCK THILLIEZ, der Autor der Romanvorlage, daraus auch seine Inspiration gezogen. SYLVAIN RUNBERG (adaptierender Autor) und LUC BRAHY (Zeichner) sind beides Comic-Veteranen und formen aus der Vorlage einen runden, sehr dicht erzählten Thriller, in dem neben den einzelnen Steinchen, die das Mosaik vervollständigen, die beiden polizeilichen Helden noch ihre ganz eigenen Baustellen haben (ganz besonders FRANCK SHARKO). Spannung von der ersten bis zur letzten Seite, gelungen und versiert illustriert. Daumen hoch! 🙂
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PARIS. September 1959. MARGOT arbeitet als Volontärin bei der Zeitschrift AUTO REVUE. Eine Sondernummer ist in Planung. Ausführlich soll über den CITROËN TRACTION AVANT berichtet werden, die Baureihe mit Frontantrieb. Die Aufgaben der Ausgabe werden in der Redaktion aufgeteilt. Mit MARGOT wollen sich die Herren der Schöpfung einen Spaß erlauben und diese über den CITROËN 22 CV schreiben lassen. Das Fahrzeug ist eine Legende. Es soll auf der Automobilmesse 1934 vorgestellt worden sein, ging jedoch nie in Produktion. MARGOT weiß von all dem nichts und macht sich frohgemut an die Arbeit. Es wird der Auftakt zu einem Abenteuer, das sich MARGOT niemals hätte träumen lassen. Und der erste Schritt ist, das GEDÄCHTNIS VON CITROËN zu finden…
AUTOS und FRAUEN, in einer Zeit, in die Damen der Schöpfung sich zu emanzipieren beginnen und das Auto sich als solches einen immer größeren Stellenwert in der Gesellschaft verschafft, schicken OLIVER MARIN (Autor, Zeichner) und ÉMILIO VAN DER ZUIDEN (Storyboard, Zeichner) ihre Heldin MARGOT auf eine höchst amüsante und spannende Tour de Force.
Der Auftaktband lebt nicht nur von seiner charmanten Hauptfigur. Ebenfalls sehr stark ist das Zeitkolorit von MARGOTS REPORTAGEN, wie die Serie übertitelt ist. Gerade Frankreich hat in seiner Geschichte, seinen Erzählungen, seinen Filmen gerne mit dem Lebensstil seiner Menschen, seiner Kultur kokettiert. Und das vollkommen zurecht. Das Bild jener Tage setzt sich gut von seinen europäischen Nachbarn ab und man will dieses Savoir-vivre gerne glauben. MARGOTS REPORTAGEN fängt dieses Gefühl ein, eine gewissen Gelassenheit, eine Aufbruchstimmung jener Epoche und tatsächlich stehen die 1960er Jahre vor der Tür.
MARGOT, jung, adrett, mit frecher Kurzhaarfrisur, neugierig, mit den modernen Ansichten ihrer Zeit ausgestattet und kleidungstechnisch sehr modisch unterwegs, befreit sich hier wunderbar aus der Rolle einer Frau, die nicht ernst genommen wird, hin zu einer Reporterin, die man(n) ernst nehmen muss. OLIVER MARIN zeigt einen Charakter, der im Laufe des Geschehens immer tougher wird (auch von den Umständen dagezwungen) und sich mit dieser neuen Rolle ziemlich gerne anfreundet.
OLIVER MARIN und ÉMILIO VAN DER ZUIDEN spielen außerdem mit Legenden. Der titelgebende 22 CV vorneweg, gleich dahinter die GÖTTIN, der CITROËN DS, die sich anschickt das Szepter zu übernehmen. Nebenbei wagt es eine ALFA ROMEO GIULETTA SPRINT sich in den französischen Straßenverkehr einzumischen. Da spielen die beiden Comic-Macher mit modernen Fahrzeugmythen (wer eine bestimmte Szene sieht, wird wissen, was ich meine; es soll halt nicht gespoilert werden) und stellen das Automobil natürlich auf ein Podest. Denn lange Zeit war der Besitz eines Autos auch gleichbedeutend mit zusätzlich gewonnener Freiheit.
Grafisch beschreiten OLIVER MARIN und ÉMILIO VAN DER ZUIDEN den Weg einer klaren, deutlichen, sauberen Linie. Das sitzt und passt, das gibt jeder Figur markante Merkmale, unverwechselbar für das Auge. Das genügt. Schurken und Helden sind nicht direkt erkennbar, das sorgt für Überraschungen. Die strengen Linien sorgen außerdem für penibelst dargestellte Fahrzeuge. Man(n) will schöne Autos zu Papier bringen (und sehen)!
Ein sehr schöner nostalgischer Serienauftakt (5 Bände gibt es inzwischen). Wer in die 1950er Jahre eintauchen möchte, einem mit Spannung und Augenzwinkern erzählten sowie fein und klassisch illustrierten Comic-Band, der liegt hier goldrichtig! 🙂
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