Die Flut wird kommen. Weder Noah noch die Engel haben einen Zweifel an dieser Voraussicht. Inzwischen ist die Arche, die sie alle schützen soll, Noahs Familie mit eingeschlossen, sehr weit gediehen. Die ersten Tiere kommen: Vögel. Sie kommen in Scharen, immer paarweise. Nur eine weiße Taube ist allein. Noah begrüßt jedes Vogelpaar persönlich. Jedes Tier, das auf diese Weise seine Segnung erhält, ist vor der Flut gerettet. Es folgen die Reptilien und die Säugetiere. Die Ladung der Arche wächst. Die Tiere werden beruhigt. Alle fallen in seligen Schlummer. Das Projekt, dem sich Noah durch eine Vision Gottes verpflichtet fühlt, könnte eilig zwar, doch in aller Ruhe wachsen und am Tage des Hochwassers bereit sein. Gäbe es nicht die Menschen. Jene, die nicht in Paaren auf dem Schiff weilen. Jene, die ebenfalls errettet werden wollen. Ob Gott das nun will oder nicht.
In der zweiten Folge über die biblische Passage über den vorläufigen Untergang der Welt und ihren Neubeginn widmen sich die beiden Autoren Darren Aronofsky und Ari Handel den Vorbereitungen zum Überleben der Tierwelt. Nichts von Gottes Schöpfung soll verloren gehen. Jede Art, die zu zweit vor der Arche erscheint, soll aufgenommen werden. Wie in einem oft geübten Ritual nimmt NOAH jede Art persönlich auf. In Anbetracht der Tatsache, dass diese Geschichte nicht nur eine Graphic Novel ist, sondern eigentlich so etwas wie eine Comic-Umsetzung der geplanten Verfilmung mit Russell Crowe in der Hauptrolle, lassen allein diese Passagen die Köpfe der Spezialeffektemacher bestimmt bereits rauchen.
Doch es geschieht noch viel mehr als nur die Sammlung aller zu rettenden Tiere. Innerhalb der Familie Noahs gibt es natürlich auch Schwierigkeiten. Zwei sollen es von jeder Art sein. Das mag auf Noah und seine Frau auch zutreffen, doch was ist mit seinen Kindern, die nicht partnerlos auf dem kommenden Weltmeer herumfahren wollen? Was ist mit den Menschen, die auf die Arche stoßen und plötzlich geneigt sind, den Vorhersagen Noahs zu glauben und sich notfalls mit Gewalt einen Platz an Bord verschaffen wollen? Was ist mit Noahs Kindern, die auch einfach nur Kinder sind?
Für Niko Henrichon ergeben sich sehr viele unterschiedliche Passagen, die es bildhaft zu inszenieren gibt. Auffallend sind natürlich die Großen, die Massenszenen, die weitaus mehr bieten, als nur den Aufmarsch der Tiere. Visionen und Menschen, die sich gegeneinander werfen, neue Freundschaften, die Fertigstellung der Arche und andere Szenen werden von Niko Henrichon in einer skizzenhaften Technik zu Papier gebracht. Henrichon übernimmt auch die Kolorierung und verleiht den Bildern so Volumen und den unterschiedlichen Figuren auch Charakter. In den Gesichtern ist ein wenig von der Einfachheit, wie sie in Mangas zu finden ist. Aber sie ist ebenso vergleichbar mit einem Künstler vom Format eines Andrea Mutti (Break Point) oder eines Sean Phillips.
Das Land hat als Kulisse in diesem Band nicht viel zu bieten. Die Welt ist öde und leer, vom Menschen auf neudeutsch heruntergewirtschaftet, zerstört, ausgebeutet. Gott will einen Neuanfang. Deshalb sollen die Menschen sterben, bis auf einige Auserwählte. Die Menschen, kriegerisch, nomadenartig, ein wenig wie über die Maßen wilde Maori wirkend, lassen Noah nicht kampflos seine Arbeit erledigen. Entsprechend apokalyptisch werden die Bilder, nachdem sie doch eine Weile eine gewisse Hoffnung verbreitet haben. Doch mit dem prophezeiten Einsetzen des Regens, den Tränen des Schöpfers, wird die Hoffnung erstickt. Und wüsste man nicht, laut Bibel, wie die Geschichte ausgegangen ist, könnte der Leser, den Bildern folgend, auch eine Katastrophe für Noah und seine Familie kommen sehen.
Eine bekannte Geschichte, packend neu erzählt. Die Fortsetzung ist noch enger an der Hauptfigur und bietet Fantasy pur. Selbst wer mit der Bibel nichts anfangen, wird diesen Aspekt finden und möglicherweise sehr mögen, da es eine sehr erdige Fantasy ist, wie sie sich in den letzten Jahren mehr und mehr durchgesetzt hat. Sehr gut. 🙂
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