Drum prüfe, wer sich mit den falschen Leuten einlässt und die falschen Wünsche äußert. Es könnte fürchterlich daneben gehen. Für den jungen Mann, Gaspard, war diese Liebe zu Blanche alles. Und nun hat sie ihn einfach verlassen. Des Standes wegen. Gaspard kann und will diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Er sitzt eine Hexe auf und schließt einen wahrhaft teuflischen Pakt. Doch wie so oft, Gaspard hätte es ahnen sollen, sobald er nur einen Fuß über die Schwelle des satanischen Weibes setzte, gibt es für jene, die die Rache suchen, nichts zu gewinnen.
Blanche unterdessen wird Königin. Mit großem Pomp, einer heiligen Ernennung in hohen Kirchenhallen ergibt die die junge Frau in ihr Schicksal, das ihr alles andere als willkommen ist. Doch da begibt es sich, dass der Pakt, den Gaspard schloss, noch einem anderen zu Ohren kommt. Einem, der das Antlitz einer kleinen Schnitzerei, dem letzten Kunstwerk Gaspards, verzückt betrachtet und beschließt, dieser Frau wahrhaftig zu begegnen. Eines Tages, am Ufer eines Weihers, trifft Blanche einen nackten Mann, überaus freundlich, verführerisch, auf naive Weise lockend und sie verfällt seinem Anblick, seinem Werben. Kurz.
Ein Märchen, eine königliche Intrige, eine Teufelsgeschichte, ein Krieg: der Leser bekommt von Jean Dufaux und Jose Luis Munuera einiges geboten. Eine traumwandlerische Reise, verwunschen schön. Letzteres ist dem spanischen Zeichner Jose Luis Munuera zu verdanken. Er besitzt die Fähigkeit, sehr leichte Figuren zu kreieren, biegsam wie Gummimännchen ausschauend, gleichzeitig zerbrechlich, einen klassischen Look leicht karikierend. Dem Comic-Fan ist er bekannt durch seine Arbeiten für Spirou + Fantasio oder auch Merlin und Fraternity. Mit diesen hier gezeigten Figuren ist er im Mittelalter, natürlich auch in der Fantasy wie Daheim.
Die beiden beherrschenden Frauenfiguren, Prinzessin (die spätere Königin) und die Hexe, haben einen gleichermaßen grazilen Körperbau, doch ihre Gesichter sind völlig gegensätzlich entworfen. Blanches Antlitz ist rundlicher, mit spitzen Dreieckskinn und großen grünen Kulleraugen. Dafür ist die Hexe eher eine Malefiz, mit Anleihen bei den sehr kinnlastigen Figuren eines Don Martin und sogar den klassischen Kanten antiker Statuen. Mit leichter Hand werden hier unterschiedlichste Mimiken aufs Papier geworfen, immer treffsicher mit minimalen Veränderungen.
Seitlich der Hauptdarsteller finden sich Charakterköpfe, in denen Munuera aus seiner eigenen Designlinie ausbricht. Da finden sich Anleihen, viele eigene Kreationen, mit relativ wenigen Linien erzeugt, so dass ein weiterer Künstler zaubern kann. Denn Sedyas trägt in Sachen Kolorierung einen großen Anteil an der wirklichen Schönheit der Bilder, die mal in Richtung Gemälde, mal zum Medium Trickfilm hin ausschlagen. Das Titelbild ist sicherlich aufwendiger koloriert als die Folgeseiten, gibt aber einen Eindruck der durchgehenden Aussagekraft der Bilder, die einen zuweilen nebligen Charakter haben, sonnendurchflutet sind und mit farblichen Stimmungen perfekt spielen. Prescht häufig in einem Künstlerteam einer vor, ergänzen sich hingegen Munuera und Sedyas auf das Schönste.
Es könnte ein Grimms Märchen sein, ist aber von Jean Dufaux erdacht und fein konstruiert. Bisher erscheint es wie eine Tragödie, aus der es für alle Beteiligten (sogar für die besonders fiesen) kein Entrinnen gibt. Das birgt Überraschungen, insbesondere bei Figuren, bei denen es so nicht zu erwarten war.
Der erste von zwei Bänden ist hinreißend, für Freunde des Märchens (oder märchenhafter Fantasy) und vermag gerade durch seine feine Gestaltung auf ganzer Linie zu begeistern. Dunkle Magie, unerfüllte Liebe und finstere Intrigen, alles genau von Jean Dufaux gegeneinander abgewogen. Sehr, sehr fein! 🙂
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