Zum Inhalt springen


Comic Blog


Samstag, 02. Februar 2013

Der Glöckner von Notre Dame 1

Filed under: Abenteuer — Michael um 14:26

Der Glöckner von Notre Dame 1 - Der Tag der NarrenDer alte Mann erinnert sich an seine Tage in Paris. Als er jung und naiv war, dem Theater zugetan und sich schließlich nach einem Bühnendesaster in die Gassen hinaus flüchtete und zunächst vom Regen in die Traufe kam. Wer sich unter die Bettler, die Gauner und Diebe, die Ärmsten der Armen in Paris wagte, spielte eine Spiel mit dem Tod. Unbarmherziger noch als der Teufel selbst waren wohl diese Ausgestoßenen, denen nicht vergeben wurde und die nichts zu vergeben hatten. Diese leidvoll Erfahrung muss auch der Dichter Pierre Gringoire machen, der kurzerhand aufgeknüpft werden soll. Nur eines könnte ihn noch retten, die Hand einer Frau nämlich. Einer Frau, die ihn heiraten möchte. Da liegt bereits der Strick um seinen Hals, doch keine Frau will sich erbarmen. Bis auf …

Der Glöckner von Notre-Dame ist eine der berühmtesten Geschichten der Weltliteratur mit einem die Epochen übergreifenden Thema. Liebe. In dieser hier gezeigten Konstellation mit der bezaubernden Esmeralda im Mittelpunkt ist die Tragödie vorprogrammiert. Geliebt von drei Männern kann das Unglück mit aller Macht zuschlagen. Nach der Vorlage von Victor Hugo haben Robin Recht (Adaption, Storyboard) und Jean Bastide (Zeichnungen, Farben) einen zauberhaften Historiencomic zu Papier gebracht, der durch seine dramatische und grafische Umsetzung ein tolles Stück Comic-Kultur geworden ist.

Bereits die Eingangsseite imitiert eine holzschnittartige Begrüßung, ein Tor in eine vergangene Welt. Sicherlich ist die Umsetzung träumerisch, weniger realistisch als der Roman selbst oder auch die Verfilmungen, jeweils mit Charles Laughton und Anthony Quinn in den Titelrollen. Aber diese Comic-Umsetzung besitzt auch nicht das süßliche Ambiente eines Disney-Musicals, wenngleich Djali, die Ziege, sich von diesen Einflüssen nicht frei machen kann. Jean Bastide, technisch auf Augenhöhe mit anderen Perfektionisten seiner Zunft (wie z. B. Theo mit Der tönerne Thron). Hier ist französisch-belgische Schule ebenso zu sehen wie ein wenig Manga-Einfluss in der Figur der Esmeralda, auch Phoebus besitzt Anklänge dieser Stilistik.

Eine zarte, aquarellhafte Farbgebung, eine opernhafte Inszenierung der Bilder macht aus dem ersten Teil der Geschichte ein regelrechtes Kinoerlebnis. Mit den Farben der Abenddämmerung, in der die Lichter von Laternen und Fackeln Glanzpunkte setzen, mischt sich leichtes Lila mit orangefarbenen Tönen. Es könnte eine heitere Farbgebung sein, zöge die Handlung die Heiterkeit nicht wieder nach unten. Wenn der Spott auf Quasimodo entlarvt wird. Wenn der Glöckner nur als Werkzeug dessen dient, der sich vorher als tröstlicher Vater aufspielte. Jeder für sich, alle für niemand. In der Feier sind die Außenseiter vereint, in ihrer Abneigung unerbittlich. So lächerlich die Prüfung und die folgende Hinrichtungsprozedur dem Leser erscheinen mag, so ernst ist sie für die Figur des Pierre Gringoire.

Aber sie ist auch beispielhaft für viele kleine Minigeschichten und Charaktere, deren Auftritte eine schöne Schwere präsentieren, eine starke Hintergrundgeschichte und so die Dichte des Haupthandlungsstrangs verstärken. Da benötigt es nur wenige Worte, die passende Konstellation innerhalb einer Bildsequenz, um dem gerne bemühten Subtext Volumen zu verleihen.

Namensgebend ist der Glöckner erst einmal ein Spielball, scheinbar kaum in der Lage, seine eigene Existenz zu erfassen, während alle anderen um ihn herum ihre Ziele verfolgen und nur versuchen, am Leben zu bleiben. Vielschichtige Handlung, schön adaptiert, wunderbar illustriert durch Jean Bastide, bleibt die zeitlose Geschichte von Victor Hugo auch hier ein Klassiker. 🙂

Der Glöckner von Notre Dame 1, Der Tag der Narren: Bei Amazon bestellen