Vampire sind keine eingeschworene Gemeinschaft. Sie betrügen einander. Sie foltern sich. Sie jagen und töten sich. Für Macht über ihresgleichen und die Menschen, die ihnen kaum etwas entgegenzusetzen haben. Nosferatu hat seine Lektionen vor langer Zeit gelernt. Nachdem er zu einer Stärke gefunden hat, will er alte Fehler nicht nur niemals wieder begehen, er will auch alte Fehler ausmerzen. Aber Nosferatu ist nicht ohne Schwäche. Eine besitzt er. Eine Schwäche, der sein Herz gehört. Die er schwor zu beschützen. Lange Zeit ging alles gut. Sein Geheimnis blieb gewahrt. Doch die Zeiten haben sich geändert, die Jäger und Gegner sind besser geworden und Nosferatus Geheimnis gerät in tödliche Gefahr.
Woher stammt der Mythos, das Blut Jesu während des Abendmahls zu trinken? Könnte es weniger ein symbolischer Akt sein als vielmehr tatsächlicher Ausdruck eines wirklichen Rituals? Mit echtem Blut? Die Erinnerungen des Vampirs an jene längst vergangene Zeit zeichnen ein völlig anderes Bild der Gründung der christlichen Religionsgemeinschaft. Jesus, hier Jehoschua genannt, ist in dieser Geschichte ein sehr alter Vampir, der Glaubensanhänger um sich schart und einen Kult begründet. Die Ausmaße dieser Religionsstiftung kann weder Jehoschua noch Nosferatu zu diesem Zeitpunkt ermessen. Olivier Peru, der Autor, macht auf diese Art deutlich, dass altchristliche Symbole rein gar nichts zur Verteidigung gegen die Blutsauger nutzen werden.
Die Herkunft der Vampire wird thematisiert, jenes alte Geschlecht, so finster und versteckt, dass kein Sterblicher ihre Heimstatt je gefunden hat. Ein wenig darf sich der an Fantasy interessierte Leser hier vielleicht sogar an die tiefen Heimatgefilde von Dunkelelfen erinnert fühlen. Da endet der Vergleich allerdings auch schon. Diese Ur-Vampire haben ihre ganz eigene Zivilisation geschaffen, die allerdings auch so gestaltet ist, dass manch einer auf Dauer nicht damit einverstanden sein kann. Und so entsteht mit den beiden Neulingen in diesem Kreis, Jehoschua und Nosferatu auch gleichzeitig der Untergang jenes finsteren Geschlechts.
Vor dem Hintergrund eines die Jahrhunderte umspannenden Handlungsbogens zeichnet Stefano Martin eine durchweg düstere Bildserie, die in Verbindung mit der Kolorierung der Digikore Studios hervorragend funktioniert. Hier verlassen sich beide Künstlerseiten aufeinander. Die Kolorierung setzt sich nicht nur einen Feinschliff an, sie liefert auch eine durchgehende Friedhofsatmosphäre. Sehr erdig, nächtlich gestaltet. Ein Blick auf alte Fotografien.
Die Handlung, die zwischen Horror und dunklem Märchen hin und her pendelt, eine finstere Liebesgeschichte einflechtet, bietet viele abwechslungsreiche Szenen in verschiedenen Zeitperioden und entsprechend mitreißend sind die Seiten, auch durch die pointierte Erzählung Perus. Wenn Gefühle ins Spiel kommen, die ganz großen freilich, (denn Rache ist hier zum Beispiel auch ein durchgängiges Motiv) dann werden die Bilder auch entsprechend beeindruckend. Liebe, der Druck eines jahrhundertelangen Lebens und eine Wiedergeburt bilden die Kernmotivationen. Eine Frau zwischen zwei Männern, allesamt Vampire, bilden mit ihrer Dreiecksbeziehung Anlass zu einigen leidenschaftlichen wie auch tragischen Szenen. Für den Freund von dunklen Liebesgeschichten wie auch handfesten Kämpfen oder Kriegen zwischen Blutsaugern gibt es allerhand zu entdecken.
Gerade letzteres ist, schlicht gesagt, nicht von schlechten Eltern und würde im Kino mit einer entsprechend hohen Altersfreigabe versehen sein. Vampire, so wird es auch seitens des Lehrers festgestellt, müssen erst einmal lernen, mit ihren neu gewonnenen Kräften umzugehen. Oder sie besonders drastisch zu nutzen. Jemand, der von Rachegelüsten angetrieben wird, hält nichts davon, nur auf halber Kraft zu agieren.
Ein zweiter Teil mit mehreren Handlungssträngen und alle sind sie höchst spannend. Jeder für sich taugte für eine alleinige Geschichte, aber vielleicht fühlt sich Olivier Peru auch inspiriert, einen Ableger zu kreieren, der noch mehr Licht ins Dunkel bringt. Ein gemeiner Cliffhanger erzwingt das einstweilige Warten auf die Fortsetzung. Endlich mal wieder eine Vampirgeschichte, die ein echter Knaller ist. 🙂
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