Ein Kind wird gefunden. Jenes Ehepaar, das den Findling bei sich aufnimmt, ist schnell klar, dass das kleine Mädchen niemals ihr Gesicht wird zeigen können, sollen sich die Menschen nicht vor ihr fürchten. Zwar haben die Menschen in jenen Tagen viel gesehen, furchtbare Gestalten, die die Welt bevölkern, auch viel Fremdes, an das sie sich gewöhnen mussten und gewöhnt haben, doch dieses kleine Kind könnte Mut und Toleranz über Gebühr strapazieren. So wächst das Mädchen heran, mit gleichaltrigen Freunden, wird zur Frau, wird zur Kämpferin, aber immer verbirgt sie die obere Hälfte ihres Gesichts hinter einer Maske.
So normal sich das Leben im Dorf auch entwickelt, gefahrlos ist es dennoch nicht. Marlysas Ausbildung zur Kriegerin mit all den gebotenen Fertigkeiten offenbart bald schon, wie das Leben da draußen sein kann, als die ersten Freunde und Bekannten in große Gefahr geraten, sogar sterben und sich eine unheimliche Macht auf die Jagd nach Marlysa macht.
Der Zyklus über die Ursprünge vereint die ersten fünf Bände der Fantasy-Saga über Marlysa: Die Maske, Der Schatten von Dompur, Die andere Seite, Bragal und Der Thaumaturg. Jean-Charles Gaudin (Text, in den ersten beiden Bänden noch von Didier Crisse unterstützt) kreierte zusammen mit Jean-Pierre Danard (Zeichnungen) eine Heldin mit Bestimmung. Neben eines gewissen kämpferischen Talents hat Marlysa einen Charakter entwickelt, der sie Verantwortung annehmen lässt. Gaudin und Danard geben ihr aber auch Freunde zur Seite, die Hoffnung und Trost spenden.
Besonders auffallend ist die Vielfalt dieser Fantasy-Welt, in Formen und Farben, in Landschaften, Völkern und Wesen. Sehr atmosphärisch, sehr bunt auch, mitunter sehr ausgefallen, betrachtet man diverse Kreaturen, die von sehr klein, auch schnuckelig, bis riesig, geradezu gigantisch und furchtbar die Palette der Fantasy bereichern. Will man ehrlich sein, müsste Marlysa nicht einmal auf Die andere Seite reisen, würde der Aufenthalt in heimischen Gefilden doch bereits gefährlich und abenteuerlich genug sein. Manche in die Pflicht genommenen Helden müssen zu ihrem Glück gezwungen werden. So wird auch Marlysa aus der Beschaulichkeit ihrer Heimat herausgerissen.
Zu diesem Zeitpunkt hat die Geschichte den Fantasy-Leser längst in ihren Bann gezogen. Die Grafiken von Jean-Pierre Danard haben sicherlich auch einen leicht amerikanischen Anstrich, nicht aus der Ecke der großen Disney-Studios, eher ein wenig He-Man, wenn auch die muskelbepackten Krieger hier eher selten vorkommen. Danard pflegt einen sehr spielerischen Zeichenstil, der zuweilen über die Ernsthaftigkeit der Handlung hinwegtäuscht. Die ersten drei Bände werden von Sabine Fuentes koloriert, die gleichzeitig mit dieser Optik den Grundstein für die Nachfolgegeschichten legt.
Ist diese Weltendarstellung auch bonbonbunt und vielleicht nach vielen eher düsteren Fantasy-Welten der letzten Jahre gewöhnungsbedürftig, so dürfte die Detailverliebtheit von Danard jeden Comic-Fan freuen, ist die viele Arbeit des Zeichners doch auf jeder Seite ersichtlich und komplettiert eine Sicht auf dieses Universum mit all seiner Komik und Tragik, seinen Abenteuern und Dramen, wie es nicht so oft zu sehen und zu lesen ist.
Ein dicker Sammelband, fünf Alben vereint, ein praller Lesestoff für Fantasy-Begeisterte, von einem Comic-Duo, das sich sein eigenes Epos geschaffen hat. Die Leistung von Zeichner Jean-Pierre Danard ist besonders hervorzuheben. Wer Comic-Kunst liebt, kommt hier voll auf seine Kosten. 🙂
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