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Comic Blog


Freitag, 20. Januar 2012

Dylan Dog – Dead of Night

Filed under: Comics im Film — Michael um 15:38

Dylan Dog - Dead of NightEigentlich kümmert sich Dylan Dog nicht um übernatürliche Vorkommnisse. Längst hat er sich auf normale Aufträge eines Privatdetektiven spezialisiert. Die Überwachung von Ehebrechern erweist sich zwar auch als nicht ungefährlich, ist aber vergleichsweise harmlos zu den Ereignissen, die auf Dylan Dog warten. Ein Mord und der Diebstahl eines Artefakts erweisen sich als Auftakt zu einer Serie von gefährlichen Situationen, die nicht zuletzt Dylans Freund Marcus das Leben kosten. Fast. Denn Marcus, der zuvor noch Feuer und Flamme für den aufregenden Job des Privatdetektiven war, kann sich mit der Tatsache, dass er als Zombie weiterleben soll, nur sehr schwer anfreunden.

Doch ihm bleibt keine Wahl. Im Hintergrund agiert eine Macht, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Untoten, Vampire, Zombies und Werwölfe sowie alle anderen, die sich in der näheren Umgebung dieser Unterwelt aufhalten, auszulöschen. Kein Puls? Kein Problem! So stand es lange Zeit auf der Visitenkarte von Dylan Dog zu lesen. Ein Ereignis, das ihn persönlich viel kostete und auch sehr unbeliebt bei den Untoten machte, ließ ihn fortan auf diesen Wahlspruch verzichten. Die jüngsten Begebenheiten zwingen ihn nun zurück an die Front zur Unterwelt.

Dylan Dog ist mit einer Auflage von Millionen von Exemplaren kein rein italienisches Phänomen. Eine geraume Zeit lang fanden sich Veröffentlichungen seiner Abenteuer mit Geistern und Dämonen auch auf dem deutschen Markt. Der Privatdetektiv des Übernatürlichen, der im Comic-Original optisch dem Schauspieler Rupert Everett nachempfunden wurde, wird in der Kinoverfilmung von Brandon Routh gespielt. Comic-Fans konnten den dunkelhaarigen, hier sehr smart auftretenden Schauspieler in der Rolle des Stählernen in Superman returns bewundern.

Neben Brandon Routh agieren Anita Briem (Die Reise zum Mittelpunkt der Erde), Taye Diggs (Haunted Hill) und Sam Huntington (ebenfalls Superman returns als Jimmy Olsen). Huntington übernimmt mit seiner Rolle als Marcus in gewisser Weise jene Position, die in den Comics von Groucho ausgefüllt wurde. Die Figur des Marcus ist der Sidekick, der Mann für den Humor, auch für Albernheiten. Sobald Marcus mit seinen Problemen als Zombie zu kämpfen hat, kann Sam Huntington so richtig aufdrehen.

Taye Diggs, sonst eher selbst smart auftretend (Private Practice), darf hier den Bösewicht geben, halb hinter den Kulissen agierend. Er bildet das vampirische Gegengewicht zu einem mürrischen Clanführer der Werwölfe, gespielt von Peter Stormare, den Hollywood häufig für Fieslinge vor die Kamera holt. Die Verfilmung von Dylan Dog versucht die Verflechtungen des Privatdetektivs innerhalb der Halbwelt zu beleuchten und wartet mit immer neuen Details auf, die sich im Untergrund von New Orleans abspielen.

Anders als in den Comics ist nicht London der Schauplatz des Geschehens, sondern eine gern für geheimnisvolle Geschichten herangezogene Stadt wie eben New Orleans. Darüber hinaus bleibt die Verfilmung an der Seite des Helden, indem sie auf das in den Comics gezeigte Lebensumfeld von Dylan Dog eingeht und dieses entsprechend adaptiert. Sogar ein VW Käfer ist als Einsatzwagen zu sehen. Wie auch in den Comics stimmt die Mischung aus Grusel und Comedy, Übernatürlichem und Charakterzeichnungen. Interessanterweise werden ausgerechnet die Monsterjäger in diesem Szenario zu den Bösewichten, da sie eindeutig in der Minderzahl und bei den Untoten überhaupt nicht gut angesehen sind. Leichte Anspielungen auf Buffy fehlen hierbei nicht. Die Altersfreigabe ab 18 Jahren ist im Vergleich zu anderen Genreproduktionen eindeutig übertrieben, denn Splatter-Effekte wie sie dort zu finden sind, gibt es hier einfach nicht.

Die Verfilmung zeigt sich mit klassischen Monstern, in klassischem Design, aber eben auch erfreulicherweise mit dem Flair des Comics. Die Atmosphäre ist stimmig, Brandon Routh passt auf die Rolle, wenn er auch nicht ganz so hager wie das Comic-Original ist, sondern noch mit der muskulösen Figur eines Superman daherkommt.

Spannung und auch Spaß, der Comic-Vorlage angemessen, sicherlich auch etwas angepasst, nicht ganz so mysteriös wie im Original. Baut neben prima Gruselunterhaltung ein komplettes Horrorarrangement nebst guter Hauptfigur auf der Leinwand auf.

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Mittwoch, 18. Januar 2012

Zwielicht 1 – Wölfel von Ulf

Filed under: Horror — Michael um 11:54

Zwielicht 1 - Wölfel von UlfDie Sicherheit der Stadt ist trügerisch. Am Tage pulsiert das Leben, in der Nacht ist es fortwährend in Gefahr, denn mit dem Einbruch der Finsternis kommen die Vampire. Sie sind nicht elegant, noch besonders intelligent. Sie stehen auf der Stufe von Höhlenmenschen und brechen kurz in die Zivilisation ein, bevor sie sich wieder in die Wälder zurückziehen. Zwar gibt es nächtliche Patrouillen, die für Sicherheit sorgen sollen, doch in der riesigen Stadt ist hundertprozentige Sicherheit ein Trugschluss. Und nicht nur das. Im Zwielicht hat sich vielleicht eine weitere Rasse der Vampire herangebildet: Schlauer, menschlicher und fähig, bei Tageslicht zu agieren. Vielleicht bewegt sich dieser neue Vampir längst mitten unter den Menschen. Unerkannt, aber nicht unbekannt.

Vampire treffen auf Steampunk: Eine neue Sorte von Vampir, ersonnen von Eric Corbeyran, agiert als Bestie in Gestalt von Urzeitmenschen. Diese Vampire, im Prolog der Geschichte vorgestellt, hausen in den Wäldern, pflegen einen steinzeitlichen Lebensstil und jagen gleichzeitig die Menschen, die versuchen, in dieser neuen Welt eine Siedlung zu gründen. Bis es zu der Stadt in diesen Ausmaßen kommt, wie sie dem Leser hier vorgestellt wird, vergeht viel Zeit, während derer erst ein regelrechter Vernichtungskrieg die Vampire in die Knie zwingt.

Der Prolog wird in schaurig schönen, teils ganzseitigen Bildern abgehandelt. Hier greift bereits die Atmosphäre gnadenlos zu und packt. Sobald Lukania, die gigantische, zweifellos an Städten wie New York und Paris orientierte Stadt, regelrecht präsentiert wird, wartet man gespannt auf den Fortgang der Ereignisse. Denn der Prolog endet mit einem zu lüftenden Geheimnis, nämlich dem Fund eines Kindes, eines kleinen Jungen, der später einmal Wölfel von Ulf sein wird. In eine ehrbare Familie adoptiert, von seinem Bruder gehasst, ist Wölfel die Sorte von arrogantem Emporkömmling, die sich nur deshalb in ihrer Position halten können, da sie über ein gewisses Maß an Professionalität in ihrem Beruf verfügen.

Für Wölfel bedeutet das: Töten. Nachts geht er gemeinsam mit anderen Wachen auf die Jagd auf Vampire. Die nächtlichen Straßen, die Ausstattung erinnern an gute alte Hammer-Zeiten (jenes Filmstudios, das dank eines Christopher Lees legendär geworden ist). Dank Tihomir Celanovic, der sich tatsächlich von der Kinoatmosphäre von Leinwandklassikern inspirieren ließ, indem er Blickwinkel und Bildeinstellungen studierte, wie der Anhang deutlich zeigt. Harte, aber klare Formen, Schattenrisse, weite Einstellungen, Massenszenen, ständiges Zwielicht führt einen steten Untergang vor Augen. Die Stadt Lukania hat ihren Zenit längst erreicht.

Der Zeichenstil, der eine leichte Verwandtschaft zu einem Guy Davis nicht verleugnen kann, wird von Nikola Vitkovic mit einer konsequenten halbdunklen Beleuchtung gestützt. Dieses Licht, ausgedrückt durch kalte Farben, kündet den nahen Sonnenuntergang oder auch den Beginn des nächsten Tages an. Es wird gebrochen durch große Rauchschwaden aus den Schornsteinen der Stadt oder findet sich im viktorianischen Licht von Versammlungssälen. Goldgelb und Orange kontrastieren zur Kälte, wärmen aber nie. Wärme findet sich erst durch eine ungewöhnliche Liebe, die auch im Titelbild bereits aufgegriffen wird.

In jeder Hinsicht dicht inszeniert: Erzählung und Optik greifen perfekt ineinander, geben der Atmosphäre und den Figuren viel Raum, um sich zu entwickeln. Der Leser, der mehr weiß wie einige der handelnden Charaktere, muss feststellen, wie sich Sympathien verschieben. Die Spannung steigt bis zum Schluss stetig. Ein ungewöhnlicher, auch neuer Ansatz für eine Vampirgeschichte. Fans des Genres sollten einen Blick riskieren. 🙂

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Montag, 16. Januar 2012

Unter schwarzer Flagge 1

Filed under: Abenteuer — Michael um 18:42

Unter schwarzer Flagge 1 - Gischt und BlutWas nutzt die beste Karte, wenn sie nicht zu lesen ist und sich das Ziel, ein Schatz nämlich, dennoch nicht erschließt. Allerdings gibt es noch eine Möglichkeit: Sollte es gelingen, eine Frau in die Gewalt zu bekommen, die als Druckmittel eingesetzt werden kann, um doch noch einen Hinweis auf das Versteck zu erhalten, werden alle Mühen belohnt werden. Kapitän Dan Dark, seine Kumpane Howie und Bonnie, entführen Mahalia, eine junge Frau, die nicht begeistert ist, als Druckmittel zu dienen, aber letztlich ebenso durchtrieben ist wie der Rest der Bande. Der Plan scheint zunächst aufzugehen. Leider bedeutet Durchtriebenheit nicht, dass damit eine gewisse Gerissenheit einhergeht. Kaum sind die erforderlichen Hindernisse beseitigt, bemerkt Kapitän Dark die Falle, in die er und seine Leute getappt sind.

Eric Corbeyran, der sich jüngst mit der Comic-Adaption des Computerspiels hierzulande einen Namen machte, erfreut den Leser nun mit einer handfesten Piratengeschichte, die sicherlich auch eine Inspiration durch die Piraten der Karibik erfahren hat. Hier ist wirklich jeder ein Gauner, egal ob alt oder jung, männlich oder weiblich. Wer zuletzt lebt, war mit dem Messer oder dem Säbel einfach schneller.

Die Charaktere in dieser Schatzsuche sind von Eric Corbeyran sehr ausgewogen in Szene gesetzt worden. Der alternde Piratenkapitän Dark, der aber nicht weniger halsbrecherisch seinem Handwerk nachgeht als seine engere Mannschaft, der er vollstes Vertrauen schenkt. Howie, ein Haudrauf, nicht der hellste Kopf, auch ein wenig eklig, betrachtet man seine Verhaltensweisen genauer (natürlich erhält der Leser ausreichend Gelegenheit dazu). Bonnie, eine Piratin, elegant und versiert im Gefecht, dem weiblichen Geschlecht zugetan. Und Mahalia, die ihre eigenen Ziele nicht aus den Augen verliert.

Der normale Pirat gibt sich nicht mehr mit Schätzen und Seeschlachten allein zufrieden: Längst ist aus dem modernen Piraten eine Mischung aus Errol Flynn und Sindbad, dem Seefahrer geworden. Klassische Seeabenteuer treffen auf Fantasy: Monster, Kannibalen, Magie: So darf sich der Leser auch hier auf entsprechende Szenarien einstellen. Brice Bingono, ein Zeichner ebenfalls im besten klassischen Sinne (wer den Trickfilm Feuer und Eis von Ralph Bakshi mochte, wird auch diese Zeichnungen lieben), kreiert kernige Typen und schöne Frauen, Monster, wie sie in jedem Conan-Abenteuer Platz fänden und Ausstattungen, wie sie Fans von Jack Sparrow sehr mögen werden. Brice Bingono rangiert auf ähnlich perfektem Niveau wie ein Mathieu Lauffrey (Prophet).

In der Nahaufnahme liefert Bingono sehr schöne Mimiken, sehr differenziert ausgeführt. In breitflächigen Ansichten, auch Massenszenen weiß er gut in Verkleinerungen aufzulösen und es existieren auch Ähnlichkeiten zu den Arbeiten eines Pierre Alary (Sinbad, Belladonna). Einflüsse leichter Karikaturen, Überzeichnungen finden sich auch hier und bringen dem Humor der Erzählung auch den benötigten Spaß in die Zeichnungen. Kräftige Striche, fein und detailfreudig getuscht, sorgen mit einem plastischen, erdigen Farbspektrum für ein pralles Seherlebnis.

Eric Corbeyran kennt das Genre, er schöpft aus Bekanntem, mischt großzügig viele eigene Einfälle hinzu, kreiert ein ordentliches Lumpenpack, wie es sich für Piraten gehört. Mit Brice Bingono hat sich Zeichner gefunden, der nicht nur den Humor, sondern auch die Action bestens in Szene setzt und die Erwartung auf die Fortsetzung ziemlich schürt. 🙂

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Donnerstag, 12. Januar 2012

Betelgeuze Gesamtausgabe

Filed under: SciFi — Michael um 18:54

Betelgeuze GesamtausgabeUnten auf dem Planeten werden Frauen gebraucht. Ohne sie wird die kleine Kolonie nicht überleben. Die blonde Frau hoch oben in einer Umlaufbahn über Betelgeuze, auf einem Kolonieschiff, weiß von den Vorkommnissen auf der Planetenoberfläche nichts. Sie wähnt sich allein. Als der junge Mann aus seiner Stasis erwacht, hat sie zwar jemanden, mit dem sie den Geheimnissen an Bord auf den Grund gehen kann, aber die Ergebnisse dieser Nachforschungen werden keine Hoffnungen wecken. Im Gegenteil: Allein im All, ohne die Möglichkeit Hilfe zu rufen oder auch nur irgendwie auf sich aufmerksam machen zu können, scheint es nur eine Prognose zu geben.

Wir sind nicht allein: Auch auf Betelgeuze muss die Menschheit die Erfahrung machen, dass bereits andere vor ihr dort eingetroffen sind. Mehr noch: Diesmal ist sie nicht erwünscht. Autor und Zeichner Leo setzt seine Science-Fiction-geschichte rund um das Leben der auf der Aldebaran geborenen Kim Keller fort und reist mit dem Leser in ein neues Sternensystem: Betelgeuze. Diese Gesamtausgabe fasst die fünf Alben des zweiten Zyklus zusammen.

Der neue Planet, der zur Kolonialisierung auserkoren wurde, ist auf den ersten Blick weniger paradiesisch als Aldebaran, aber immer noch ursprünglicher als die Erde, die unter einer Glocke von Schmutz und Abgasen zu ersticken droht. Der Aufbruch ins All ist eine Notwendigkeit und entspringt nicht einem unbedingten Herzenswunsch. Die Menschheit hat den Punkt zur Umkehr verpasst. Betelgeuze, der bislang noch keine Zivilisation sah, bietet große Wüstengebiete, gigantische begrünte Schluchten und riesige unterirdische Wasservorkommen. Doch die Kolonisation scheint schon zu Beginn zum Scheitern verurteilt worden zu sein, denn von den tausenden von Kolonisten haben nur wenige die Planetenoberfläche erreicht. Die meisten sind tot, auf ewig im All eingefroren.

Leo präsentiert dem Leser eine Zukunft, die hoffnungsvoll wirkt, aber auch einige Klippen, Abgründe und Steine auf dem Weg liegen hat. Wie schon in Aldebaran birgt jedes Paradies eine Schlange. Bald tauchen Zwänge auf, werden falsche Kompromisse geschlossen, die eine Veränderung zum Besseren verhindern oder sogar rückgängig machen. Leo gelingt durch die Schilderung der menschlichen Beziehungen und der Erforschung dieses neuen Planeten eine außerordentlich dichte Erzählung, die nicht mit Paukenschlägen daher kommt, sondern den Leser für die einzelnen Charaktere vereinnahmt und so mitreißt. Die Figur der Kim Keller ist ein Archetyp der emanzipierten Frau, ungewollt charismatisch, intelligent und sehr weiblich, wie ihr ihre Verehrer stets aufs Neue bestätigen.

Betelgeuze, im Land der tiefen Täler: Aus dem Weltraum sieht der Planet unwirtlich aus. Erst bei näherer Betrachtung enthüllt Leo tiefgrüne Schluchten, breite Flüsse und einen großen Tierreichtum. Leichte Strichführung, größtmöglicher Realismus in der Darstellung und eine ruhige, unaufdringliche, weil natürliche Farbgebung lassen Bilder und Gesamteindrücke entstehen, die an Momentaufnahmen erinnern. In den Raumschiffszenen mag der Vergleich zu Bildern, die in echter Umgebung entstanden sind, vielleicht etwas hinken, doch Leo gelingt der Fingerkniff diese Welt künstlerisch zu dokumentieren. Der Unterschied zwischen der Kühle des Alls, der beigefarbenen Wüsten, der grasgrünen Täler und der kaltgrauen unterirdischen Welt bietet hierfür insgesamt spannende Kontraste.

Sind Leos Gesichtsentwürfe auch nicht so differenziert wie der Rest seiner grafischen Einzelheiten, mag ihm dies angesichts der Fülle der Ausdrücke, die er für diese Weltengestaltung schafft, mehr als nur verziehen sein. Ein Kern des neuen Zyklus weiß besonders zu gefallen: Die Iums (das Titelbild zeigt Kim Keller mit einem dieser schwarzweißen Wesen), optisch angelehnt an Robben, sehr rund, auch knuffig, werden von Leo für beeindruckende Ansichten genutzt. Gleichzeitig bietet er optische Einfälle, die einen häufig innehalten und staunen lassen.

Dieser zweite Zyklus besticht einmal mehr durch seine konsequent ruhige Erzählung, stetige Spannungssteigerung, überraschende Wendungen und Aktionen. Leo ist nicht nur ein geradliniger Künstler mit dem Strich an der richtigen Stelle, er weiß auch punktgenau zu erzählen. Seine Kreationen (Lebewesen vorneweg) faszinieren ein ums andere Mal mehr und die immer neuen Rätsel machen diese Science-Reihe-Reihe zu etwas Besonderem innerhalb des Genres. 🙂

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Der ewige Krieg

Filed under: SciFi — Michael um 16:42

Der ewige KriegNur die Besten der Besten: Sie stehen nicht bereit, um die Menschheit in eine neue, bessere Zukunft zu führen. Sie sollen in einem interstellaren Krieg dienen. Bereits in ihrer Ausbildung werden sie gnadenlos gedrillt. Vielleicht werden sie nicht einmal die Reise zu ihrem Ausbildungsstandort überleben. Zu Beginn des neuen Jahrtausends zieht die Menschheit erstmals gemeinsam in den Krieg gegen eine außerirdische Rasse. Kämpfen will gelernt sein. Wer in dieser Ausbildung kämpft, simuliert nicht. Wer das erste Mal ein Schlachtfeld betritt, hat bereits einmal überlebt. Vielleicht öfter. Doch selbst die harte Ausbildung hat die Soldaten nicht auf den implantierten Blutdurst vorbereitet, der sie wie Berserker auf einen nahezu wehrlosen Feind vorrücken lässt.

Eine Aussage über den Krieg lässt sich in jeder Epoche treffen. Die Science Fiction mag dazu geeignet sein, ein übergreifendes Szenario zu schaffen und Fragen noch deutlicher aufzuwerfen: Wie lange kann ein Krieg geführt werden, dessen Feinde sich so gut wie nie zu Gesicht bekommen? Dessen Feinde nicht einmal genau zu sagen vermögen, warum dieser Krieg eigentlich begann? Es ist ein düsteres Bild von Joe Haldeman, der selbst im Vietnam-Krieg als Soldat für die USA diente und den Schrecken hautnah erlebte. In der Gesamtausgabe Der ewige Krieg, für deren Romanvorlage er den Hugo Award und den Nebula Award erhielt, skizziert Haldeman am Leben seiner Hauptfigur, dem Soldaten William Mandella, einen Krieg, der irgendwann für die Menschen nur noch existiert. Es gibt, also führt man ihn.

Die Gesetze der Zeit: 2009 zieht der Soldat William Mandella in einen Krieg, aus dem er nach Erdzeit rund 26 Jahre später zum ersten Mal zurückkehren wird. Er selbst ist in dieser Zeitspanne weitaus weniger gealtert. Während er sich dort draußen im All von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz begibt, vergehen für die menschliche Zivilisation beinahe tausend Jahre. Am Ende ist der Soldat erschöpft. Die Ziele, für die er ins Feld zog, selbst die Gesellschaft, die er verteidigen wollte, existiert so gar nicht mehr. Joe Haldeman nimmt den Leser von der Ausbildung der Rekruten mit in die erste Schlacht. Nahgefechte, Fernkämpfe: Ziele werden aufgenommen. Die Soldaten werden selbst zum Ziel.

Während die menschliche Gesellschaft zuerst die Heterosexualität auf breiter Ebene ablegt und die Homosexualität vorzieht, die Fortpflanzung per Klonen schließlich das sexuelle Miteinander komplett über den Haufen wirft, kämpfen die Soldaten in einem Krieg, mit dessen Raumfahrt und Waffentechnologie sie kaum Schritt zu halten vermögen. Die Liebe zwischen William Mandella und Marygay Potter, ein kleiner Lichtblick in der organisierten Zerstörung, vermag den Feldzug kaum zu überleben. Als sie getrennt werden, ist klar: Wenn der Feind, die gesichtslosen Tauren, es nicht schafft, sie zu töten, wird die durch ihre Reise entstehende zeitliche Barriere eine unüberwindbare Kluft werden.

Mark Marvano zeichnet die Grafiken mit sehr feinen Strichen, kurz ausgeführt, dort wo die Striche notwendig sind. Stilistisch schließt er unnötiges Beiwerk aus. Gerade so viel, wie nötig ist, um die jeweilige Form, die Landschaft, das Gerät zu zeigen, legt Marvano in der getuschten Fassung auf Papier nieder. Bruno Marchand gibt den Bildern Volumen, indem er den Realismus herabstuft, so als habe er eine Vorlage besessen, die er nun mit Einschränkungen wiedergibt. Im Ergebnis erhält der Leser eine optische Dystopie, ein gesamtmilitärisches Erscheinungsbild, wie es der Science-Fiction-Cineast von Outland, Aliens oder auch Space 2063 her kennen mag.

Die klaren Formen nehmen so manchen Schrecken, stellen es etwas klinischer dar, als eigentlich ist. Marvanos Grafiken stützen die halbdokumentarische Erzählform, in der nichts explodiert oder im Todeskampf schreit. Kommentare aus dem Off, in einer Art Tagebuch, berichten vom Grauen und hält auf Distanz. Aber weder Haldeman noch Marvano blenden den Krieg aus. Der Schrecken wird bildlich. Er zeigt sich in den stillen Explosionen, den Blutfontänen, den zerstörten Raumschiffen und den sich krümmenden Soldaten auf der Krankenstation. Selten schmeckte eine grafische Novelle im Science-Fiction-Genre derart bitter und wirkte so gekonnt.

Ein Abbild der Gegenwart in der Zukunft: Joe Haldeman erzählt von einem Krieg, den die Menschen zu ihrer Entwicklung brauchen. Die von anderen Autoren beschworene Begegnung mit einer außerirdischen Rasse verbündet den Menschen hier zwar auch, aber nur um den Krieg zur neuen Blüte zu treiben. Immerhin lässt Vietnam-Veteran Haldeman den Leser mit einem Lichtblick am Ende des Tunnels zurück. Doch bis er dorthin findet, dauert es eine ganze Weile. Sehr gut. 🙂

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Dienstag, 10. Januar 2012

Benjamin angelt sich den Mond

Filed under: Comics für Kinder — Michael um 19:50

Benjamin angelt sich den MondEin Junge und sein Haustier: Eine Schnecke. Es kann nicht sicher sein, ob Benjamin tatsächlich ein solches Haustier hat. Vielleicht bildet er es sich auch nur ein. Tatsache aber ist, dass die Schnecke ein ziemliches schlaues, bisweilen sogar weises Tier ist, dessen Gesellschaft für den aufgeweckten Jungen ein echter Glücksfall ist. Benjamin, der in der Schule lieber träumt, auch Schmetterlinge beobachtet, während die anderen fleißig lernen, hat seinen eigenen Kopf und seine eigenen Ideen. Seine Vorstellungskraft ist möglicherweise größer als die von anderen Kindern. In jedem Fall besitzt er neben dieser Gabe auch noch ein nicht minder großes Herz.

Alberto Varanda hat mit Benjamin eine klassische Jungenfigur geschaffen, im besten Sinne einen Lausbuben, der in einem Stapel Gerümpel liegen und sich vorstellen kann, er liege inmitten von Monden und Sternen. Benjamin ist eines jener Kinder, die Fragen über Fragen haben, die sich auch ihre Antworten mit kindlicher Logik selber geben und manchmal auch eine echte, bittere Antwort bekommen. Für diese Rolle, der des Ratgebers, des sehr geduldigen Zuhörers, ist die Schnecke auserkoren. Varanda hätte sicherlich auch ein anderes kleines Tier wählen können, doch mit der sehr vereinfachten Mimik, einem sehr trockenen Humor folgt er deutlich dem alten Leitsatz: Weniger ist mehr.

Benjamin: Das ist ein kleiner Junge mit großen Augen, einem runden Kopf und wirrem Haarschopf. Sein kleiner Körper steckt in viel zu großer Kleidung und kleinen Schuhen. Obwohl die Ansicht der kleinen Episoden optisch nostalgisch anmutet, ist Benjamin ein moderner Junge. Wirkt die Schule auch, als sei sie noch der Phantasie eines Mark Twain entsprungen, sind Benjamins Interessen auch bei Batman und Astronauten zu finden. Halloween und Sport mag er, aber eines, das ist auch durch den Üntertitel des ersten Bandes zu vermuten, mag er ganz besonders: Die Sterne und den Mond.

Die grafische Qualität des Titelbildes ist hier durchgehend zu finden: Sehr feine Striche, sehr weiche Farbaufträge, leichte Verläufe und eine konsequent durchgehaltene sepiafarbene Grundtönung, die das nostalgische Flair der kleinen Episoden verstärkt. Manchmal zeichnet Varanda seinen Benjamin vor einer Landschaft, einem Gemüsegarten, manchmal vor einem Küchentisch, auf einer Laufbahn oder auch vor einer leeren weißen Fläche. Es sind kleine Sketche, Komödie und Tragödien, Träume und Gedanken. Manchmal genügt nur ein Bild, an anderer Stelle stellt er die Bilder klassisch in Reihe oder er wählt als Stilmittel eine Forma der Collage.

Das ist meist heiter, selten traurig, weniger selten nachdenklich und stets irgendwie freundlich und putzig. Varanda weiß zweifellos, welche Wirkung er mit seinen kugeligen Knuffelfiguren erzeugen kann. In gewisser Weise könnte Benjamin auch von den Peanuts inspiriert sein. Varanda arbeitet jedoch viel penibler als ein Charles Schulz.

Manchmal gibt es Geschichten oder auch Figuren, ganz gleich in welchem Medium, im Roman, Film oder wie hier im Comic, die sieht man und es ist einfach schön. Die genießt man einfach. So ist es mit Benjamin. Einfach aufschlagen, in Häppchen genießen oder gleich komplett. Einfach schön. 🙂

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Montag, 09. Januar 2012

Mazehopper – Die fünfdimensionale Karte

Filed under: Cartoon — Michael um 19:46

Mazehopper 1 - Die fünfdimensionale KarteEin Labyrinth macht vor allem eines: Es reizt zum Entkommen. Dieser Reiz ist umso höher, je mehr seine Bewohner im Wissen ihr Leben fristen, dass es daraus kein Entkommen geben soll. Dieses ganz besondere Labyrinth, um das es hier geht, wurde über viele Jahrhunderte hinweg von Kobolden gebaut. Es ist riesig, unüberschaubar. Dennoch gibt es immer wieder Bewohner des Labyrinths, durch Zufall darin gefangen, die sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden wollen und den Ausbruch wagen. Die Kobolde lassen keinen Ausbruch zu. Jeder, der es versucht, wird gnadenlos verfolgt. Denn, so lautet die Legende, wird nur ein Ausweg gefunden, bedeutet dies das Ende des Labyrinths.

Die Freunde Yunoni, Mazoo und Merdo, die in einem Drachenei leben, vom Labyrinth umgeben, erhalten eine Botschaft, die sie dazu auffordert, sich auf die lange Reise zu begeben, die sie hoffentlich aus diesem Irrgarten herausführen wird. Bereits nach kurzer stellen sich erste Ermüdungserscheinungen ein, wird ihre Geduld auf eine große Probe gestellt, da der Ausgang nicht nur nicht leicht zu finden ist, sondern anscheinend alles und jeder ihnen sie aufhalten will. Bis auf Heikki Looper, ein Hase, der sowieso schon auf der Jagdliste der Kobolde steht.

Der Weg ist das Ziel: Einmal losmarschiert gibt es nicht nur kein Zurück mehr, das Abenteuer ist ebenfalls auch nicht mehr aufzuhalten. Christoph Pirker schickt drei kleine, koboldhafte Hundchen in ein Cartoon-Fantasy-Abenteuer. Die drei Burschen sind peppig, fast modisch gekleidet und sehr reduziert dargestellt. Große Köpfe, kurze Arme, kaum sichtbare Beine, dafür umso größere Hasenfüße: So präsentieren sich die Helden auf der Flucht und sind so noch etwas ausführlicher gezeichnet als der Hase, der mit seinen riesigen Augen, den markanten Zähnen (ohne Nase) fast ein futuristisches Element einbringt.

Hier ist Knuffigkeit Trumpf. Christoph Pirker zeigt, dass es noch kleiner geht, knuffiger, wenn man so will. Er führt dem Leser die Chibis, die letztlich wie kleine Kissen mit Kriegsbemalung, Armen und Beinen sowie Bewaffnung aussehen. Wäre die Strichführung etwas genauer, im Vektorenstil, der heutzutage in manchen Cartoonserien so populär ist, würden sich die Mazehoppers stilistisch, aber auch durch ihren leicht anarchischen, aber auch nostalgischen Erzählstil dort nahtlos einreihen.

Sobald die drei Abenteurer nämlich auf die Hexe treffen, fühlt man sich ihre guten alten Verwandten aus den ebenso alten Cartoons erinnert: Mit grimmiger Augenpartie, kräftigem Kiefer (aber wieder ohne Nase). In dieser Sequenz passt sogar der Ablauf zu jenen Helden von einst, die sich eher unabsichtlich in eines dieser krummen Hexenhäuser verirrten und Gefahr liefen, dort verspeist zu werden.

Spaß und Abwechslung für junge Leser, frech und kurzweilig. 🙂

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Freitag, 06. Januar 2012

Das Schwert 1 – Feuer

Filed under: Mystery — Michael um 18:33

Das Schwert 1 - FeuerDara Brighton kann dem flammenden Inferno entkommen. Das Haus war einmal ihr Zuhause. Langsam taucht sie aus den Fluten auf, immer noch erschüttert von den Geschehnissen. Eigentlich ist sie an den Rollstuhl gefesselt, doch etwas hat es ihr kurzfristig ermöglicht, wieder auf ihren eigenen Beinen zu laufen. Das Schwert? Wenig später liegt sie um Ufer, nahebei versucht die Feuerwehr den Brand ihres Elternhauses zu löschen. Alles scheint vorbei und hoffnungslos. Doch das ist es nicht. Als einzige Überlebende der Familie muss sich Dara von der Polizei einige Fragen gefallen lassen. Wenig später ist sie keine bemitleidenswerte Überlebende mehr, sondern eine Tatverdächtige.

Die Gebrüder Luna lassen keinen Zweifel daran, dass sie mit der Popkultur, den Geschichten, die daraus hervorgegangen sind, aufwuchsen, diese aber ebenfalls zu erzählen wissen. In der vierteiligen Reihe Das Schwert begegnet der Leser der Studentin Dara Brighton, die bis auf ihre Behinderung ein typisches amerikanisches Mädchen ist. Ihre Eltern lieben sie, das Familienleben ist harmonisch, Freunde hat sie ebenfalls. Der große Knall, der dieses doch beschauliche Leben vollkommen aus der Bahn wirft, lässt nicht lange auf sich warten. Der Superheld, der im normalen Leben eine Einschränkung aufweist (wie hier Dara, die an den Rollstuhl gefesselt ist), ist kein Einzelfall im Comic, in der Vermischung mit einem uralten Feind, dem sich diese Heldin nun stellen muss, werden natürlich Erinnerungen an die Klassiker der weiblichen Helden wach, die im ausgehenden Jahrtausend verschiedene Szenarien umgekrempelt haben.

Joshua Luna und Jonathan Luna, die mit Ultra und Girls in den USA Aufmerksamkeit erregten, Cover für Spider-Woman und Red Sonja gestalteten, haben eindeutig Frauen zu den Frontleuten ihrer Geschichten erklärt. Eigentlich ein vollkommen korrekter Schachzug, betrachtet man die Zielgruppe innerhalb der amerikanischen Comic-Leser, die knapp bekleidete oder wenigstens gnadenlos um sich schlagende Heldinnen seit Buffy zu schätzen wissen.

Die Lunas spielen mit der Normalität des Alltags, eines Lebens, das zuallererst durch einen Angriff aus den Fugen gerät und im weiteren Verlauf durch stetig neue Bedrohungen und Wendungen aus der Bahn geworfen wird. Dabei folgen sie dem Dominoprinzip. Ein fallender Stein löst eine Ereigniskette aus, die unaufhaltsam bis zum Ende läuft. Die Geschwindigkeit der Erzählung ändert sich erst, als ein Sprung in die Vergangenheit das Rätsel um die Herkunft des Schwertes lüftet.

Schmale, klare Linien, wenige Striche bestimmen die Grafiken der Lunas. Damit reihen sie sich optisch in Reihen wie z.B. Y – The last man. Die dortige Künstlerin Pia Guerra pflegt einen ähnlich leichten Zeichenstil, der sich auch in anderen Publikationen findet und in den letzten Jahren im Zusammenspiel mit einer plastischen Kolorierung eine größere Verbreitung gefunden hat. Wer mehr im Horror-Genre nach Vergleichen sucht, wird diese auch in Hack/Slash (4) und der Künstlerin Rebekah Isaacs finden.

Jonathan Luna, der nicht nur zeichnet, sondern auch koloriert, verwendet pro Seite oder auch Szene grundsätzlich eine eingeschränkte Farbpalette. Die Farbwärme ist meist sehr kühl gewählt, wie eine durchgehende Dämmerung, eine Untergangsstimmung, die letztlich im ausgedehnten Finale des Rückblicks ihre Bestätigung findet. Leichte Verläufe, geringe Abstufungen in den Schattierungen finden sich im Vordergrund, während der Hintergrund durch leichte Unschärfe abgesetzt wird. Die optische Verwandtschaft zum Film wird hier mehr als deutlich.

Starke Superheldin: Sehr stark! Nicht nur das Schwert besitzt eine gewisse Macht, es verleiht auch übermenschliche Kräfte. Wer sich vielleicht fragte, was passierte, wenn Superman einen Normalsterblichen mit aller Kraft schlüge, erhält hier eine Antwort darauf. Die Ansichten dieses Lernprozesses fallen entsprechend drastisch aus.

Eine Mischung aus Fantasy und Horror, rasant, geradlinig und sehr ernsthaft erzählt: Die Gebrüder Luna schaffen mit der ersten Folge der vierteiligen Reihe einen hoch spannenden Auftakt. Die Lunas kennen alle Hebel und Kniffe, um ein phantastisches Abenteuer mit genau dosierten Höhepunkten und Wendungen zu erzählen. Klasse! 🙂

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Mittwoch, 04. Januar 2012

Gastoon 1 – Neffenalarm!

Filed under: Comics für Kinder — Michael um 19:45

Gastoon 1 - Neffenalarm!Gastoon hat mit seinem Onkel Gaston sicherlich einen Charakterzug gemeinsam: Beide sind ungeheuer findig. Aber: Beide überschauen nicht immer die Konsequenzen ihres Erfindungsreichtums. Wer ärgerte sich noch nie über den Regenschirm, den der Sturm in alle Richtungen knickte und so keinerlei Nutzen mehr gegen den Regen brachte? Gastoon hat eine kleine Erfindung gemacht, die dagegen hilft. Allerdings: Das ist so eine Sache mit den Nebenwirkungen von Erfindungen. Hier wird leider Gastoons Freundin Jasmin vom Wind davon getragen. Ohne nennenswerte Folgen, versteht sich, denn bald schon ist sie wieder mitten unter der versammelten Rasselbande, die den Erwachsenen das eine oder andere Mal das Leben schwer macht.

Die lieben Kleinen: Ob es nun Spirou, der kleine Lucky Luke oder hier ein kleiner Gaston ist (sicherlich ist es der Neffe, doch die Ähnlichkeit legt den Schluss einer anderen Konzeption nahe), sie stehen in Sachen Unsinn machen ihren erwachsenen Vorbildern in Nichts nach. Im Gegenteil: Mit kindlicher Leichtigkeit wird hier so manche erwachsene Regeln ausgehebelt und ein Feuerwerk an Gags losgelassen.

Jean Leturgie kennt den Western aus dieser Sicht bereits (Lucky Luke). Sein Sohn Simon Leturgie hat hier den Zeichenstift übernommen. Die beiden Comic-Macher können bereits auf eine Zusammenarbeit im Bereich Comedy zurückschauen. Waren es bei Spoon & White amerikanische Cops, sind es hier Schulkinder, die jeweils auf einer Seite lustige, abenteuerliche und manchmal (aus Erwachsenensicht) haarsträubende Episoden erleben. Verknüpfungen der einzelnen Szenen entstehen durch Figuren wie den Lehrer Lämmerhirt, den Parkwächter und andere, die den Kindern ihre Jugend meist nicht erleichtern.

Aber auch Orte, Gerätschaften oder Erfindungen verschachteln die kleinen komödiantischen Einlagen von Gastoon und seinen Freunden. Erfindungen von Gastoons Onkel (z.B. die berühmte Harfe!), Tischkicker, der Park oder auch ein Schulausflug bilden die Grundlagen für einen Spaß nach dem anderen, nicht nur für eine liebevolle Erzählung, einer Verbeugung von dem Cartoon sondern auch vor Gaston Lagaffe, einer der Comicfiguren, mit der sich Andre Franquin in den europäischen Comic-Olymp zeichnete.

Entsprechend wird auch die Zeitlosigkeit der Vorlage aufgegriffen. Neuere Themen, die Kinder mitunter in Verzückung ausbrechen lassen (wie alles, was irgendwie medial ist), findet hier nicht statt. Gastoon und seine Freunde beschäftigen sich mit Spielen auf den Straßen, im Schnee, sie feiern Weihnachten, machen natürlich Blödsinn (absichtlich und unabsichtlich), sie spielen Streiche (absichtlich) und sind zu jeder Zeit liebenswert (für den Leser, ein Lämmerhirt sieht das ganz anders). Da wird Pirat gespielt, sogar Mädchen dürfen dabei sein, allerdings, um die Wäsche der Piraten zu waschen und zu flicken. Und echte Jungs lassen sich durch umweltbewusste Hinweise der Mädchen (von Jasmin) nicht verrückt machen. Popcorn von genbehandeltem Mais kann zu Mutationen führen? Dann her mit dem Zeug!

Simon Leturgie besitzt den klassischen Cartoon-Strich. Kleine schmale Körper, mit einem Kopf versehen, der proportional gesehen ebenso groß ist wie der übrige Körper. Neben dem ovalen Kopf mit den großen Kulleraugen finden sich auch die zylinderförmigen Köpfe, Kugeln, Knopfaugen, Hasenzähnchen, kurzum, es finden sich alle Merkmale, die bereits ein Franquin so exzellent einsetzen konnte und an denen sich Simon Leturgie trefflich orientiert. Der Comic-Fan wird in den kleinen Gesichtern so manche Ähnlichkeit zu erwachsenen Pendants von einst wiedererkennen.

Da hüpft nicht nur Gastoon auf seinem Ball vorüber, da hüpft das Zwerchfell vor Lachen gleich mit: Der Neffenalarm ist ein sehr guter Auftakt, der sich nahtlos in den Humor von Gaston einreiht und optisch perfekt das große Erbe antritt. Wer mit klassischem frankobelgischen Humor unterhalten werden möchte, liegt hier richtig. 🙂

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