Was nutzt die beste Karte, wenn sie nicht zu lesen ist und sich das Ziel, ein Schatz nämlich, dennoch nicht erschließt. Allerdings gibt es noch eine Möglichkeit: Sollte es gelingen, eine Frau in die Gewalt zu bekommen, die als Druckmittel eingesetzt werden kann, um doch noch einen Hinweis auf das Versteck zu erhalten, werden alle Mühen belohnt werden. Kapitän Dan Dark, seine Kumpane Howie und Bonnie, entführen Mahalia, eine junge Frau, die nicht begeistert ist, als Druckmittel zu dienen, aber letztlich ebenso durchtrieben ist wie der Rest der Bande. Der Plan scheint zunächst aufzugehen. Leider bedeutet Durchtriebenheit nicht, dass damit eine gewisse Gerissenheit einhergeht. Kaum sind die erforderlichen Hindernisse beseitigt, bemerkt Kapitän Dark die Falle, in die er und seine Leute getappt sind.
Eric Corbeyran, der sich jüngst mit der Comic-Adaption des Computerspiels hierzulande einen Namen machte, erfreut den Leser nun mit einer handfesten Piratengeschichte, die sicherlich auch eine Inspiration durch die Piraten der Karibik erfahren hat. Hier ist wirklich jeder ein Gauner, egal ob alt oder jung, männlich oder weiblich. Wer zuletzt lebt, war mit dem Messer oder dem Säbel einfach schneller.
Die Charaktere in dieser Schatzsuche sind von Eric Corbeyran sehr ausgewogen in Szene gesetzt worden. Der alternde Piratenkapitän Dark, der aber nicht weniger halsbrecherisch seinem Handwerk nachgeht als seine engere Mannschaft, der er vollstes Vertrauen schenkt. Howie, ein Haudrauf, nicht der hellste Kopf, auch ein wenig eklig, betrachtet man seine Verhaltensweisen genauer (natürlich erhält der Leser ausreichend Gelegenheit dazu). Bonnie, eine Piratin, elegant und versiert im Gefecht, dem weiblichen Geschlecht zugetan. Und Mahalia, die ihre eigenen Ziele nicht aus den Augen verliert.
Der normale Pirat gibt sich nicht mehr mit Schätzen und Seeschlachten allein zufrieden: Längst ist aus dem modernen Piraten eine Mischung aus Errol Flynn und Sindbad, dem Seefahrer geworden. Klassische Seeabenteuer treffen auf Fantasy: Monster, Kannibalen, Magie: So darf sich der Leser auch hier auf entsprechende Szenarien einstellen. Brice Bingono, ein Zeichner ebenfalls im besten klassischen Sinne (wer den Trickfilm Feuer und Eis von Ralph Bakshi mochte, wird auch diese Zeichnungen lieben), kreiert kernige Typen und schöne Frauen, Monster, wie sie in jedem Conan-Abenteuer Platz fänden und Ausstattungen, wie sie Fans von Jack Sparrow sehr mögen werden. Brice Bingono rangiert auf ähnlich perfektem Niveau wie ein Mathieu Lauffrey (Prophet).
In der Nahaufnahme liefert Bingono sehr schöne Mimiken, sehr differenziert ausgeführt. In breitflächigen Ansichten, auch Massenszenen weiß er gut in Verkleinerungen aufzulösen und es existieren auch Ähnlichkeiten zu den Arbeiten eines Pierre Alary (Sinbad, Belladonna). Einflüsse leichter Karikaturen, Überzeichnungen finden sich auch hier und bringen dem Humor der Erzählung auch den benötigten Spaß in die Zeichnungen. Kräftige Striche, fein und detailfreudig getuscht, sorgen mit einem plastischen, erdigen Farbspektrum für ein pralles Seherlebnis.
Eric Corbeyran kennt das Genre, er schöpft aus Bekanntem, mischt großzügig viele eigene Einfälle hinzu, kreiert ein ordentliches Lumpenpack, wie es sich für Piraten gehört. Mit Brice Bingono hat sich Zeichner gefunden, der nicht nur den Humor, sondern auch die Action bestens in Szene setzt und die Erwartung auf die Fortsetzung ziemlich schürt. 🙂
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