Da oben ist der Mensch nicht willkommen. In mehreren tausend Metern Höhe ist es unwirtlich, nichts wächst, die Kälte macht dem Menschen das Überleben auf Dauer unmöglich. Doch um Krieg zu führen, reicht es noch. Mitten im Hochgebirge zieht sich eine Frontlinie entlang. Die Männer, die hier oben ihren Dienst verrichten, sind nicht immer von ihrer Tätigkeit überzeugt. Nicht alle sind überzeugte Nationalisten, nicht jeder liegt dem Imperator zu Füßen, aber für einige ist es die einzige Chance auf ein sinnvolles Leben in dieser Gesellschaft. Doch in den Bergen existiert eine Macht, die sich nicht um die Sorgen, Wünsche und Nöte der Soldaten schert. Für sie ist jeder Mensch ein Feind.
Christophe Bec erzählt zusammen mit Stephane Betbeder eine weitere kühle Science Fiction Geschichte mit phantastischen Elementen. Natürlich dürfen auch Kinoanleihen nicht fehlen. Die beiden Autoren positionieren ihre Geschichte nicht auf der bekannten Welt (obwohl sie es durchaus sein könnte), sondern wählen eine Landschaft und eine Regime abseits der Realität, lehnen dieses aber an den Himalaya und das vergangene Sowjetreich an. Weit oben im Gebirge gibt es eine Grenze zu einem gefürchteten Feind, den der normale Soldat schon lange nicht mehr in Persona gesehen hat.
Neben der hoch technisierten Armee und ihrer eher mangelhaft ausgerüsteten Soldaten hat sich eine fast schon steinzeitliche Zivilisation im Gebirge gehalten. Diese beten ein Mysterium an, dessen Geheimnis sich (wie bei Christophe Bec nicht unüblich) noch nicht erschließt. Doch es gibt bekannte Gesichter zu entdecken (bei Christophe Bec durchaus üblich). Der Leser, in der deutschen Schauspielerriege versiert, mag vielleicht auf den ersten Blick einen Jürgen Prochnow erkennen, hier als eingefleischter Oficir (kein Schreibfehler) in einer wichtigen Nebenrolle dabei. Ferner hat auch Robert Duvall einen Auftritt, als noch höherer Oficir mit Augenklappe.
Die Form der Armee, die Art des Krieges (gegen einen unsichtbaren Feind), das totalitäre Regime (man fühlt sich an einen Großen Bruder erinnert) ist zu einer Mixtur verschmolzen, deren einzelne Bestandteile bekannt scheinen, die aber nicht nur wegen des Schauplatzes noch einmal viel kälter als in der Realität wirken. Das erschwert den Zugang, denn letztlich kann auch nur eine Figur eine gewisse Sympathie wecken: der einzige Mann, dem das ganze Kommissgehabe am Allerwertesten vorbeigeht und der nur da ist, wo er ist, weil er gut schießen kann. Ein Fehler mag es sein, dass Christophe Bec scheinbar eine kleine Hommage an Heiligtum abliefert. Im besagten Dreiteiler von Xavier Dorison war er der Zeichner.
CREATURE: Kein Tod aus der Tiefe, sondern aus den Bergen. Bec zitiert grafisch eine Verfilmung eines Romans von Peter Benchley (der die Romanvorlage zu Der weiße Hai schrieb). Dieser Film hieß Creature und beschäftigte sich mit einer Kreatur, organisch gemischt aus Hai und Mensch. In einer Meeresumgebung passte das, im Gebirge wirkt es eher befremdlich. In Anbetracht des relativ kurzen Auftritts hätte Bec auf eine Eigenkreation zurückgreifen können. Die grafische Umsetzung selbst, kühl, wie gemeißelt, sehr exakt wie auch cineastisch, zieht das Auge mit.
Insgesamt werden wieder viele Fährten ausgelegt, viele Rätsel angestoßen. Das zerhackt manchmal den Lesefluss ein wenig, macht jedoch neugierig, vor allem, da im letzten Drittel, die Geschichte dichter wird und den Charakter von unheimlichen Geschichten aus der guten alten Zeit erhält. Spannend ist es allemal, eigentlich wie immer bei Christophe Bec. 🙂
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