In London geht ein Frauenmörder um und verursacht große Aufregung. Auch die Vier von Bakerstreet machen sich ihre Gedanken, zumal da ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt Sherlock Holmes nicht in der Stadt ist, um den Mörder mit seinen kriminalistischen Methoden jagen zu können. Für die Vier, die Kinder Billy, Charlie, Black Tom und ihre Katze, ist dieser Fall eine Nummer zu gefährlich. Zur gleichen Zeit hat sich in London eine Gruppe Exilrussen zusammengefunden, die den Sturz des zaristischen Regimes in Russland planen. Es ist eine Zeitenwende, neue Ideen machen die Runde. Die Menschen sind nicht mehr bereit, ihr Schicksal ohne Widerstand hinzunehmen. Die englische Regierung, die den Russen einen Aufenthaltsort bietet, macht dies nicht ohne Grund, schließlich kann sie so dem Zaren ohne viel Aufwand schaden.
Billy, Charlie und Black Tom wissen von so viel Politik nichts. Bei handfesten Schwierigkeiten allerdings kennen die beiden Jungen und das Mädchen in Jungenkleidung sich aus. Als eine junge Frau von zwei feinen Herren attackiert wird, greifen sie ohne zu zögern ein. Hätten sie da nur geahnt, worauf sie sich einlassen!
In der zweiten Folge wird es weniger persönlich als in der ersten Episode. Billy, Charlie und Black Tom geraten mitten hinein in politische Intrigen und geheimdienstliche Winkelzüge. Die Autoren JB Djian und Olivier Legrand haben das Umfeld des verbrecherischen Mädchenhandels und der Prostitution aus dem ersten Teil verlassen und widmen sich thematisch nun den Umsturzvorläufern der russischen Revolution. Im London des Jahres 1890 existiert ein Krieg im Untergrund. JB Djian und Olivier Legrand mischen hier auf gekonnte Weise Fakten unter die Fiktion und greifen so den Geist der Patengeschichten rund um Sherlock Holmes auf.
Die Vier von der Baker Street sind die letzten jener Straßenkinder, die dem berühmten literarischen Detektiven bei seinen Ermittlungen unter die Arme greifen und Beschattungsaufträge übernehmen. Inzwischen haben sie derart viel von dem Meisterdetektiven abgeschaut, dass sie selber aktiv werden. David Etien, Zeichner und Kolorist, stellt die vier Nachwuchsdetektive wie auch die gesamte Epoche, insbesondere das alte London mit solcher Sorgfalt und auch Liebe zum Detail dar, dass mit Fug und Recht hier einer der rundesten Comic-Reihen der letzten Jahre vorliegt.
Die Grafiken mögen ein wenig vom Disney-Stil beeinflusst sein, sind in ihrer Ausführung aber noch einige Stufen darüber angesiedelt. Das ist kein Wunder, da die Papierform es natürlich sehr viel einfacher macht, einen Charakter mit noch mehr Ecken und Kanten zu versehen. David Etien verfolgt konsequent eine sehr filmische Darstellungsweise. Er scheut keine Perspektiven, nimmt den Leser sehr schön mit in Action-Szenen hinein, in regelrechte Kamerafahrten, gleichzeitig bietet er sehr schöne Nahaufnahmen. Hier zeigt sich auch sein Talent, jegliches Gefühl auf einer Skala von realistisch bis etwas übertrieben vorzuführen.
Ein wunderbares Detektivabenteuer mit fein entworfenen Charakteren vor einer tollen Kulisse. Ein Comic mit Vorbildcharakter, besser geht es kaum. Klasse! 🙂
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