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Comic Blog


Freitag, 15. Januar 2010

Die Welt von Lucie

Filed under: Mystery — Michael um 17:39

Die Welt von LucieEs soll ein schöner Einkauf werden. Das Kaufhaus ist voll, aber noch lange nicht jeder darf hinein. Die Rabaukenkids, die Straßenkinder, die Unruhestifter, solche, die kein Geld haben, müssen draußen bleiben. Wer Ärger machen will, bekommt Ärger mit dem Wachpersonal. Wenig später brennt das Kaufhaus. Eine Panik bricht aus. Ein Mädchen überlebt: Margaret. Ohne Verletzungen. Allerdings schweigt sie. Meistens. Viel wichtiger jedoch: Es besteht die Möglichkeit, dass sie telepathischen Kontakt besitzt. Aber mit wem? Einst gab es Experimente auf dem Gebiet der Telepathie. Das ist lange her. Die Ergebnisse hatten Potential, doch schnell zeigte sich, dass derlei Fähigkeiten in den falschen Händen zu einer Katastrophe führen können. Hat Margaret vielleicht Kontakt zu einer Versuchsperson von damals? Unmöglich …

Sehr rätselhaft. Obwohl die Handlung in der westlichen Welt spielt, ist die die Geschichte von einer rätselhaften Grundstimmung durchdrungen, wie sie sich in Mangas oder unheimlichen Filmen aus Japan findet. Kris kann als Autor seine Begeisterung für dieses Genre nicht leugnen. Er kennt die Regeln dieses Seitenarms der Phantastik genauestens. Alles beginnt, wie so häufig in diesen Geschichten, mit einem Unglück, das allerdings natürlichen Ursprungs ist: Ein Brand in einem Kaufhaus. Ähnlich schreckliche Ereignisse gibt es leider jeden Tag, so oft, dass die Meldungen meist wieder schnell vergessen sind.

Hier jedoch gibt es eine Überlebende. Eine einzige, der kein Haar gekrümmt wurde. Sie ist nicht in der Verfassung, um sich Gedanken über ihren Zustand zu machen. Andere sind viel mehr daran interessiert, das Geheimnis um ihre Rettung zu lüften. Kris benötigt zur Klärung dieser Frage (die hier nicht komplett aufgelöst wird) einen langen Anlauf, weshalb der Leser wirklich Geduld mitbringen muss.

Er folgt den Aufklärungsspuren der Polizisten Karakis und Roberval. In einem Institut für paranormale Forschung nimmt er an den Ermittlungen von Dr. Emma Chapman und Dr. Sascha Iablokow teil. Margaret, das überlebende Mädchen steht unter ständiger Beobachtung und liegt, bis auf gelegentliche sprachliche Ausbrüche in russischer Sprache (die sie nie gelernt hat), still. Ganz anders ist ein Duo, das ganz langsam immer mehr zusammenwächst: Soledad und Lucie. Soledad ist ein Straßenkind, ein sehr starkes Mädchen, aber zeitweilig immer noch ein Kind. Und Lucie? Die sagt nichts. Lange Zeit jedenfalls. Lucie ist nicht ein Geheimnis, sie ist das Geheimnis.

Lucie könnte eine schwächere und weibliche Version eines Akira sein. Sie ist zwar zugegen, bleibt aber eine Hülle. Ihre Existenz wird durch die Recherchen der anderen, auch durch Soledads Anlernversuche beschrieben. Lucie ist wie ein Geist und zunächst sieht es für den Leser so aus, als sei sie gar nicht da. Zuerst ist diese Situation befremdlich und schwer zugänglich. Es dauert, bis sich einem ein immer größer werdendes Rätsel erschließt, bevor die ersten Antworten hereintröpfeln. Wer Geduld aufbringt, wird angenehm überrascht. So, könnte man sagen, ist Lucie ein wenig LOST in AKIRA. Kris konzentriert sich stark auf seine Figuren, bis es einem dämmert, dass die Geschichte längst in Gang gekommen ist und man mitten drin steckt.

Guillaume Martinez kann ebenfalls nicht leugnen, den einen oder anderen Manga gelesen oder einen Anime gesehen zu haben. Seine Figuren sind in der Art gezeichnet, wie sich japanische Zeichner westliche Charaktere vorstellen. Das wirkt anfangs, hier wie dort, schlicht, skizziert. Das mag sogar stimmen, gewinnt aber durch die Kolorierung von Nadine Thomas und Kness deutlich an Volumen. Guillaume Martinez liefert sehr feine, zerbrechlich aussehende Zeichnungen, deren Strichstärken zuweilen kurz vor dem Wegbrechen stehen. Was zu Beginn eher nach wenig ausschaut, wird im Laufe der Handlung immer mehr. Mit wenigen Strichen wird eine Mimik inszeniert, ein Raum oder ein Ort illustriert. Das lässt nicht nur Luft und Platz für die Entfaltung der beiden Koloristen, das lässt auch dem Leser Platz, mit einer gewissen filmischen Geschwindigkeit durch die Handlung zu gleiten.

Farblich wird, wie meist heutzutage, der Computer eingesetzt. Die Welt von Lucie ist eine kalte Welt. Die Farben zeugen davon. Kaltes Grün, kaltes Blau, metallisches blutiges Rot, kaltes Braun und Grau. Wenige Ausflüge in die Wärme erfolgen in Ocker, Orange oder auch in ein senffarbenes Gelb. Daneben sind glasklare farbige Ausflüge selten, wie etwa im grellen Neonlicht der Klinik. Die gesamte Ausstrahlung sagt: Hier stimmt etwas nicht. Das passt hervorragend und ist darüber hinaus toll auf die jeweilige Szene abgestimmt.

Die Welt von Lucie befindet sich in bester Tradition von Klassikern wie Teufelskreis Alpha oder auch modernen Mystery-Varianten wie LOST oder Akira. Das Werk von Kris und Guillaume Martinez ist nichts für Leser, die einen Action-Kracher suchen. Die Welt von Lucie kommt mit leiser Unheimlichkeit daher, mit Feingefühl erzählt und gezeichnet. 🙂

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