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Comic Blog


Dienstag, 25. August 2009

Inspektor Canardo 11 – Sterbenswörtchen

Filed under: Cartoon — Michael um 18:06

Ein Fall für Inspektor 11 - SterbenswörtchenEugen liegt im Sterben. Kein Wörtchen dringt mehr über seine Lippen, nur noch einige sinnlose Laute. Eugens Geist scheint längst weggedriftet zu sein. Dieser Zustand setzt seine Tochter und ihren Mann in höchste Alarmbereitschaft, denn der alte Mann hat noch nicht alle nötigen Informationen preisgegeben. Ein Detektiv muss her. Die Aufgabestellung ist recht einfach. Eugen war ein Kriegsheld, kämpfte im französischen Widerstand des Zweiten Weltkriegs und jagte den Nazis eine ordentliche Ladung Goldbarren ab. Und von diesen fällt bis zum jetzigen Tag jede Spur. Canardo kann die Sorge der Familie verstehen. Aber was kann er da tun?

Eine Menge! Doch das kann das Ehepaar für einhundert Dollar Kosten am Tag kaum ahnen. Seit kurzem ist Canardo im Besitz eines Prototypen, der Zeitsprünge ermöglicht. Was wäre besser, als ihn gerade jetzt einzusetzen, bei einer Spur, die geradewegs in die Vergangenheit, genauer in die letzte Etappe des Zweiten Weltkriegs führt. Canardo sucht das Haus des alten Eugen auf und sieht sich um. Kurz darauf stellt er das Zieldatum seines Zeitsprunggerätes auf den 1. Juni 1944. Nach dem Bestätigen der Sicherheitsabfrage ertönt ein Psch, es macht mehrere Male Bzzz und schließlich (Canardo mag es kaum glauben, ist aber erleichtert) landet der Detektiv mit dem gewohnt gelangweilten Blick pünktlich am Ziel.

Name: Eugen Molard. Vergangenheit: Kriegsheld. Völlig unbeeindruckt, selbst durch die Möglichkeiten der Aufklärung des vor ihm liegenden Rätsels, macht sich Canardo ans Werk. Und gerade diese Schnoddrigkeit ist es, die den Begegnungen von Canardo und Molard in den folgenden Jahrzehnten ihre ganz besondere Würze gibt. Nach und nach entschlüsselt Autor und Zeichner Benoit Sokal das Leben eines Franzosen, der zeitweise gefeiert wurde und schließlich ein ganz normales französisches Leben führte, einen eigenen Weinkeller inklusive.

Sokal, der sich für seine Krimireihe der Tiermenschen bedient und damit die Klassiker des Cartoons karikiert, hat bereits in der Vergangenheit bewiesen, dass er einen scharfen Blick auf das gesellschaftliche Leben hat. Ob es um das übliche Miteinander geht, Politik oder Terrorismus, manchmal ganz einfach nur Mord, stets blickt Sokal mit scharfen Auge hinter die bürgerlichen und gesellschaftlichen Fassaden und erzählt darüber mit scharfer Zunge und süffisantem Ton. Immer schwingt eines mit: Man kann diese Welt nicht ernst nehmen.

Wenn es mal wirklich lebensbedrohlich wird, läuft Canardos Selbstbeherrschung schon mal aus dem Ruder. Ansonsten ist er die Ruhe selbst. Sicherlich sind Canardos Auftraggeber die Initiatoren der Geschichte, das Gegengewicht zu Canardo ist jedoch der alte Eugen, den der Leser von Zeitsprung zu Zeitsprung durch die Jahrhunderte begleitet. Interessant ist, wie Eugen mit dem Gold umgeht, dass er den Nazis abgenommen hat: Nämlich gar nicht. Anstatt mit Fug und Recht ein schlechtes Gewissen zu haben, nutzt er das Gold, das ihm ein völlig anderes Leben beschert hätte, überhaupt nicht. Lieber verbleibt er in der Spur seines gewöhnlichen Lebens, nach dem Krieg nicht weiter beachtet und ansonsten auch nicht weiter respektiert, nicht einmal von seiner eigenen Familie.

Was sich hier als Kritik einer ernsten Geschichte lesen mag, ist in der Handlung selber stets mit einem kleinen gemeinen Humor durchsetzt. Gerade das macht diese (wie auch die anderen) Handlung so gut. Das leise Kratzen an der Fassade, unterstützt durch den Einsatz einer brandneuen Technik, die in ihrem ersten Test ausgerechnet einen Nationalhelden, einen ehemaligen Widerständler entlarvt. Sokal setzt die Geschichte wie gewohnt in fetten und ausdrucksstarken Strichen um. Seine Tiermenschen sind extra überzogen dargestellt, immer ist ihr Charakter ihnen ins Gesicht gebrannt. Tränen fließen hier schnell (sie hüpfen optisch geradezu davon). Stellvertretend für den Leser glaubt Canardo diesen Trauerbekundungen nicht. Eugens Leben hinterlässt einen grauen optischen Gesamteindruck. Nur ab und zu blitzt etwas Leben durch, wie in jener Szene, als das Versteck des Goldes gelüftet wird und sein Strahlen verheißt, was alles sein könnte, aber nicht ist.

Beinahe ein dunkles Märchen, weiterhin brillant von Sokal erzählt und illustriert, mit vielen Nuancen fast schon sezierend, aber immer unterhaltend und stets für ein Schmunzeln gut. So kennt der Leser seinen Canardo und nicht anders sollte er sein. Kult. 🙂

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Oder bei Schreiber und Leser.

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