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Comic Blog


Freitag, 12. Juni 2009

Sonnenfinsternis

Filed under: Abenteuer — Michael um 19:12

SonnenfinsternisFünf Freunde wollen das Ereignis einer Sonnenfinsterins für einen mehrtägigen Ausflug, etwas Ruhe und Frieden nutzen … Und sie bekommen alles andere als das. Jean-Pierre, meistens J.-P. genannt, möchte diese Tage dazu nutzen, ein sexuelles Verhältnis zu beginnen. Endlich lernt er seine Internetbekanntschaft Jan kennen. Zu Hause wartet seine Frau Claire mit zwei Kindern, aber J.-P. will nicht daran denken. Er will aus seinem bisherigen Leben ausbrechen. Dominique, kurz Dom genannt, ist mit seiner Frau Isabelle, für ihre Freunde Isa, vorausgefahren. Das Haus, das sie für diese Tage gemietet haben, ist ein Traum: Ländlich gelegen, wunderbar aufgeteilt und sogar mit einem Swimmingpool versehen.

Doch gleich zu Beginn der Fahrt kriselt es zwischen den beiden, so, wie es seit zwei Jahren kriselt, seit Isabelle ihren Mann mit Helena auf einer Sylvesterfeier erwischt hat. Und genau diese Helena befindet sich ebenfalls auf dem Weg in das Ferienhaus. Der einzige, der einigermaßen unbelastet in diese Urlaubstage fährt, ist Hubert. Er ist schwul, hat keine Affäre, findet auch keine, aber er ist wenigstens derjenige, der immer wieder versucht gute Stimmung zu machen. Das ist auch bitter nötig, denn von den Freunden haben, abgesehen von Jan mit ihren 19 Jahren, alle ein Alter erreicht, indem es nur noch einspurig weiter zu gehen scheint. Und jeder scheint das Ende der Straße für sich bereits zu sehen.

Menschen in der zweiten Hälfte der 30er haben es nicht leicht. Eigentlich haben sie es auch nicht schwer. Aber sie haben Gefühle. Deshalb haben sie es doch schwer. Es geht um das, was einer von sich preisgibt, was einer zurückhält, wie er Vertrauen gibt, wie er betrügt, was für den Einzelnen unter dem Strich der eigenen Abrechnung herauskommt. Keinem der Anwesenden gefällt das Ergebnis, nicht einmal Jan, dabei ist sie erst 19 Jahre alt.

Stephane Deteindre, kurz Fane, und Thierry Terrasson, kurz Jim (manchmal auch Tehy), haben sich zusammengetan, um eine auf den ersten Blick alltägliche Geschichte zu erzählen, die jedoch ein Generationenbild entwirft, ein kulturelles Bild, weit über den frankophonen geographischen Bereich Europas hinaus. Männer und Frauen sind ein altes Thema, das in verschiedenen Varianten immer wieder neu entsteht. In der Tradition von Filmen wie Der Eissturm oder auch dem Klassiker von 1983 Der große Frust versuchen die Freunde zu ergründen, wo sie eigentlich sind, als Mensch und in der Beziehung zu anderen.

J.-P. muss erkennen, dass Fremdgehen gar nicht so leicht ist, wenn man ein Gewissen hat. Dom muss erkennen, dass, selbst wenn einem verziehen wurde, die Rückkehr vom Fremdgehen alles andere als einfach ist, wenn man ein Gewissen hat. Keiner der Männer möchte den Frauen Schmerz zufügen, aber sie tun es. Keine der Frauen will sich das gefallen lassen, aber … Fane und Jim erzählen eine sehr menschliche Geschichte um menschliche Bedürfnisse, um Liebe und Sex, um Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit und über das Älterwerden. Alle, bis auf Jan natürlich, sind an einem Punkt angekommen, an dem es nicht mehr zurückgeht. Ein falscher Schritt kann jetzt alles kaputt machen. Fane und Jim zeigen Menschen, die, so oft es geht, um Vorsicht bemüht sind und dennoch wie Elefanten im Porzellanladen einen Scherbenhaufen produzieren.

Für den Leser lassen sich leicht Identifikationsfiguren finden. Selbst Dominique, das Raubein, die künstlerische Großschnauze, ist auf seine Art sympathisch. Ist er allein vergeht er vor Selbstzweifeln und Grüblereien. Er weiß um seine Fehler, er will … Ja, es wieder gut machen, das wollen alle. Es anders machen, bei nächsten Mal richtig machen … Es kommt zu vielen kleinen Ausbrüchen, aber der große Knall ist nicht dabei, bis die Gruppe der Heilerin begegnet. In einer Art Gruppensitzung geht sie den Problemen auf den Grund. Das ist, wie überhaupt ein Großteil der Geschichte komisch, zum Schmunzeln oder auch zum Kopfnicken (ja, klar, das ist genauso).

So ernsthaft die Handlung von den beiden erzählt wird, so abstrahieren sie doch ihre Figuren, vereinfachen dabei aber auch den Schaffensprozess, denn immerhin hat dieser Comic-Roman stolze 288 Seiten. Der Zeichenstil könnte von einem rebellischen Albert Udero stammen. Teilweise besitzt die Grafiken einen ähnlichen Charme, fühlen sich aber ein Stück mehr der Realität verpflichtet, rücken aber auch, so es die Situation erfordert, etwas mad davon ab. Die Zeichnungen sind schwarzweiß gehalten. Zu einem großen Teil sind sie sehr gut ausgearbeitet, aber immer mit etwas Freiraum für den Betrachter. Grautöne spielen mit Licht und Schatten. Hin und wieder wird in die grobe Skizze ausgebrochen, besonders dann, wenn die Phantasie des Betrachters gefragt ist, wenn eine Szene zwar wichtig ist, aber nicht der Vouyerismus des Betrachters befriedigt werden soll.

Da es um echte Menschen geht, braucht es auch echte Gesichter. Die Freunde haben allesamt Charakterköpfe. Nur Isabelle und Helena, die beiden Rivalinnen haben eine gewisse Ähnlichkeit, die aber durchaus auch Absicht sein kann. Wie gut die Bilder, der Aufbau, die Perspektiven und die dargestellten Emotionen funktionieren, zeigt sich spätestens dann, wenn Fane und Jim auf Text verzichten und nur die Bilder sprechen lassen.

Ein sehr feiner Comic-Roman über menschliche Gefühle, Wünsche und Träume, verpasste Gelegenheiten und Gewissensfragen, das eigene Selbstverständnis: Manchmal heiter, traurig, tragisch, dann wieder ein Brüller. Hier ist nichts geradlinig. Fane und Jim erzählen ausfallend, aber wohl durchdacht. Freunde des Comics mit realistischen Themen kommen hier sicherlich auf ihre Kosten. 🙂

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