Samstag, 04. April 2009
John Difool fällt. Böse Zungen behaupten, dies sei ein Hobby von ihm geworden. Andere werden neidisch feststellen, dass ein John Difool immer noch aufgefangen wurde. Also was soll das ganze Theater um seine Person? Genau das weiß John Difool leider auch nicht, denn er erinnert sich nicht, obwohl er es sich sehnlichst wünscht. Die Robocops sind ihm bereits auf der Spur. So ist es klar, dass John in der letzten Sekunde vor dem Aufschlag im Säuresee gerettet wird. Weiterhin stellt sich die Frage, zu welchem Zweck das geschehen ist.
Difools Gedächtnis wird durchsucht. Da ist allerdings nichts, nur die Erinnerung an eine Frau. Für die mechanischen Einheiten um ihn herum ist das eine ziemliche Enttäuschung. Ein Angriff versetzt die anwesenden Einheiten in elektronische Panik, sich indes dagegen zur Wehr setzen, vermögen sie nicht. So fällt John Difool schon wieder und mit ihm gleich ein ganzes Luftschiff.
Technisch angesiedelt zwischen Juan Gimenez und Jean Giraud zeichnet sich José Ladrönn in die Welt des John Difool. Diese Welt, die ihren Ausdruck in den Geschichten um den Incal und die Meta-Barone fand, sucht nun in der Geschichte um den letzten Incal eine Neuinszenierung. Ladrönn erweckt das allseits bekannte Chaos jener merkwürdigen mit dem Präsi-Schiff darüber eindrucksvoll, penibel, aber auch mit dem leichten Aquarellfarbauftrag und dem lockeren Tuschestrich.
Ladrönn scheint sich mit einer ziemlichen Wonne auf Ansichten gestürzt zu haben, welche die Größe dieser Umgebung vermitteln. Auch Massenansammlungen von Personen, Handgemenge in Nahaufnahme oder verzwickte Perspektiven der heruntergekommenen Architektur erledigt Ladrönn mit außerordentlicher Perfektion. Linien, außen wie innen, sind stets sehr dünn und zart ausgeführt. Die monströsen Ausgeburten, die durch den Biozeckenvirus 13-X befallen wurden, malt er mit einer Detailfreude, die einem Paolo Serpieri, so wie er sie in Druuna praktizierte, in nichts nachsteht. Alles in allem ist mit Gimenez und Ladrönn das Szenario sehr schwermetallig ausgefallen.
In dieser sehr düsteren Atmosphäre, besonders untermalt durch Farben wie fahles Grün, Grau, Blau oder Braun, nur durchbrochen von roten Explosionen, hellen Blitzen oder giftig grün aufplatzenden Objekten, besticht eine Kreatur wie ein Lichtstrahl: Dipo! Der kleine Betonvogel dürfte neben einem Chewbacca wohl das beste Lebewesen sein, dass sich ein Kind an seiner Seite wünschen kann. So ist die Folterszene geradezu herzerweichend und der erschöpfte Schlummer Dipos von Autor Alexandro Jodorowsky regelrecht gnadenreich.
So ist denn Jodorowsky wieder in seinem Element und heimgekehrt zu einem seiner erfolgreichsten Szenarien. Da ein John Difool, wie er sich hier präsentiert, nicht gerade der sympathischste Zeitgenosse ist, schafft Jodorowsky ein Quartett aus Difools. Es ist sehr humorvoll, wenn ein Difool auf den anderen trifft und sich selbst auch nicht gerade sympathisch findet, aber akzeptieren muss, dass sie durch die Umstände zusammengeschmiedet sind. Diese Konzentration auf die vier Charaktere, die leider erst recht spät erfolgt, ist auch dringend notwendig, denn Jodorowsky verlangt seinen Lesern ein gutes Stück Geduld und auch Aufwand ab.
Diese Welt erschließt sich dem Leser nicht allzu leicht. Sie ist sehr, sehr fremdartig. Nicht nur jene Stadt, über die ein veränderter Präsi die Oberhand gewinnt, auch die Wesenheiten Benthacodon und Elohim sind weit davon entfernt, einen menschlichen Ansatzpunkt zu liefern. Fast könnte man glauben, den phantastischen Auswüchsen eines H.R. Giger zu begegnen. Dessen Ideen versperren auch eher den Zugang und halten den Betrachter auf Abstand.
Fremdartig, mit leicht unterschwelligem Wahnsinn erzählt und wenigstens drei durchgeknallten Difools, einem liebenswerten Dipo, so legt Jodorowsky wieder los. Einmal drin, fällt es schwer, sich zu entziehen. Die Geschichte benötigt von Schritt zu Schritt mehr Raum. Man darf gespannt sein, wie es Jodorowsky schaffen wird, wieder auf ein normales Maß zurückzukehren. 🙂
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Donnerstag, 02. April 2009
Verliert ein Mann sein Gedächtnis, gerät er für gewöhnlich in Schwierigkeiten. Wenn dieser Mann zu den großen Feinden der Hölle zählt, gerät er in große Schwierigkeiten. John Constantine kann sich über das Interesse an seiner Person nur wundern. Die Feindseligkeit, die ihm entgegenschlägt, passt nicht zu der friedfertigen Haltung, die er im Augenblick vertritt. Das Mädchen, das am Flussufer sitzt und angelt, hat eine höllisch aussehende Verbrennung am Arm. John zögert nicht lange. Er bringt das Mädchen ins Krankenhaus und begeht damit einen folgenschweren Fehler.
Eine falsche Namensnennung macht ihn zum Ziel eines besonderen Serienkillers. Gill weiß alles. Das ist leider keine Aufschneiderei. Er weiß in der Tat alles über jene, die ihm begegnen. War er nicht schon vorher wahnsinnig, hat ihn spätestens diese Fähigkeit verrückt gemacht. Gill kann in John nichts erkennen. Doch eine Möglichkeit muss es geben, zu ihm durchzudringen. Irgendetwas. Und Gill macht sich an die Arbeit.
Gedächtnis verloren hin oder her, Serienkiller hin oder her. Sehr bald schon sind derlei Kinkerlitzchen Johns geringstes Problem.
Stationen des Kreuzwegs nennt sich die vorliegende 6. Ausgabe der Saga um den Hellblazer mit dem Namen John Constantine. Der Verlust seines Gedächtnisses macht John zum Spielball. Ist er seither oft sehr cool, auch umsichtig aufgetreten, hat er nun zwar immer noch Herz, aber verkommt zum obdachlosen Gammler. Die Situation ist schon schlimm genug. Doch noch mehr nagt an John: Was muss er für ein Mensch gewesen sein, den niemand vermisst? Der keine Freunde hat, die ihn suchen? Der kein Zuhause hat und ein Umfeld, dem das Fehlen einer Person auffällt?
Keine Sorge, Kumpel. Alles wird gut. Diesmal bist du auf die Füße gefallen. Jinx passt auf dich auf.
Ausgerechnet ein anderer Obdachloser, den es an den Rand der Gesellschaft verschlagen hat, kann sich schließlich an John erinnern. Offensichtlich hat der Hellblazer wenigstens einmal in seinem Leben etwas Gutes getan und diesem Mann ein paar Pfund zugesteckt. Mike Carey, der Autor, gönnt John (und dem Leser) allerdings nur einen kurzen Aufschub. Wer zu John mildtätig ist, steht schon auf der Abschussliste. So ist der Titel der Geschichte irreführend. Für John ist es eher eine Geisterbahn als ein Kreuzweg. Einzig die Konsequenz ist identisch: John muss leiden.
So schickt Carey seinen Helden zuerst ein winziges Stück in die Vergangenheit (indem er ihn doch Menschen begegnen lässt, die ihn kennen) und macht ihm deutlich, wo ein paar seiner Talente liegen. Instinktiv handelt der Hellblazer in verschiedenen Situationen wie ein kaltschnäuziger Drecksack. Dafür muss er aber bis an das Äußerste getrieben werden. Der Mann, der sich mit Dämonen anlegt, ist im normalen Alltag vollkommen hilflos.
Gleich drei Zeichner haben sich des Höllenwidersachers in dieser Geschichte angenommen. Die Ergebnisse könnten kaum unterschiedlicher sein. Leonardo Manco gehört zu den Zeichnern, die eine realistisch ausschauende Handlung bevorzugen. Er ist kein Jim Lee, seine Grafiken strahlen noch keine vollendete Souveränität aus, aber er ist auf dem Wege. Seine genutzten Perspektiven sind experimentierfreudig, mitunter ungewöhnlich. Die von ihm geschaffenen Gesichtszüge sind stets um Individualität bemüht und sehr aussagekräftig. Dank ihm herrscht zwischen den beiden Kontrahenten John und Gill eine große optische Spannung.
Chris Brunner nimmt den Handlungsfaden auf und zeichnet schon abstrakter, zerhackter und impulsiver. Da brechen die getuschten Flächen aus wie ein Flickenteppich, es versinken die Gesichter in den Schatten und nur die nötigsten Linien zeichnen sich ab. Expressiv und wuchtig könnte sich dieser Zeichenstil auch nennen. Aber letztlich ist er nur eine Stufe hin zu den Bildern von Marcelo Frusin, der es schafft eine Brücke zwischen den Stilen von Mike Mignola und Sean Phillips zu schlagen. Die Grafiken von Frusin benötigen eigentlich keine Farbe, bei genauer Betrachtung ist sie sogar eher störend, wie es bei Mignolas Bildern der Fall ist. Das Grauen ist hier zwar in höchstem Maße abstrakt und reduziert, aber die Wirkung ist ungleich größer. Von Frusin würde man sich wünschen, er würde auch einen Abstecher in das Hellboy-Universum machen.
Mike Carey schickt Constantine durch die Hölle des Vergessens geradewegs hinein in wirkliche dämonische Auswüchse. Die geschichte gehört zu der Sorte von Horror, der sich wie von selbst liest. Drei verschiedene gute Zeichner sorgen mit sehr unterschiedlichen Stilen für sehr viel Atmosphäre. Wer den Hellblazer bisher nicht kannte, findet hier einen guten Einstieg. 🙂
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Link: Leonardo Manco
Mittwoch, 01. April 2009
Andrax und Holernes schlafen den Schlaf der Gerechten und der Müden, denn sie haben eine lange Reise hinter sich. Als sie erwachen, hat sich ihr Umfeld verändert. Fort sind die kahlen und hohen Felsen. Ein Schwall kalten Wassers fliegt ihnen um die Ohren. Holernes kann diese Umgebung nicht einordnen, doch für Andrax steht fest: Das ist der Wilde Westen. In ihren gemeinsamen Abenteuern haben die beiden Freunde schon viel erlebt. Eine derartige Wandlung der Umgebung, über Nacht, setzt dem ganzen allerdings die Krone auf. Mehr noch: Nach und nach entpuppt sich dieses Szenario um sie herum als ein Schwindel, ein Spiel, ein tödliches noch dazu, einzig zu dem Zweck, ihnen auf besonders vergnügliche Weise den Garaus zu machen. Willkommen im Circus Maximus.
Andrax hat seine Geschichten erzählt. Nun ist es vorbei. Leider. Im abschließenden 5. Band Gnadenlose Jagd gibt der Held, den es aus unserer Gegenwart in eine ferne Zukunft verschlug, noch einmal alles. An seiner Seite wundert sich sein Freund Holernes, wie es nur dazu kommen kann, dass gerade sie immer wieder in diese Schwierigkeiten geraten.
Wie in anderen langlebigen Serien ist bei Andrax alles möglich und noch mehr. Denn es gibt keinerlei Genre-Grenzen. Science Fiction, Fantasy, die gute alte Apokalypse- oder Barbaren-Handlung, die Horror- und die Monstergeschichte, ja, wer hätte es gedacht, sogar der Western ist machbar. Jordi Bernet zeichnet auf Augenhöhe mit Grafikern wie Don Lawrence oder Sean Phillips. Er beherrscht einen hohen Detailgrad, sofern es sinnvoll und verlangt ist, aber er hat auch den schnellen Tuschestrich, der Geschwindigkeit in das Leseverhalten bringt und filmisches Vergnügen verspricht.
Wer weitere Vergleiche anstellen mag, kann das durch die Darstellung der hier vorliegenden Figuren auch mit anderen Zeichnern tun. Wer den künstlichen Menschen in einer der Geschichten sieht, könnte an Neal Adams (Batman, House Of Terror u.a.) erinnert werden, mehr noch an Arturo del Castillo, der vor langer Zeit hierzulande mit Der Sheriff auf sich aufmerksam machte. Zeitlich jedenfalls entstammen die Veröffentlichungen des Sheriffs und von Andrax aus dem gleichen Zeitrahmen. Andrax’ Reise durch die amerikanische Wild-West-Historie ist eine schöne Parallele zu den geradlinigen Sheriff-Geschichten, bietet aber, wie kann es anders sein, den besonderen Mystery-Faktor, der heutzutage wieder außerordentlich populär und modern ist.
Nach einem kleinen Vorgeplänkel mit feindlichen Barbaren in der Nähe des Hermanns-Denkmals (NRW, Teutoburger Wald) hat Andrax eine Begegnung mit Vincent van Gogh. Dieses kleine Zwischenspiel dürfte zu den ungewöhnlichsten Ereignissen der ganzen Reihe gehören (und es waren wirklich sehr, sehr ungewöhnliche Ereignisse darunter). In dieser Episode mit dem Titel Stahlkugel, von Peter Wiechmann mit Text versehen, erlebt Andrax einmal mehr, wohin falsche Gottgläubigkeit und Hysterie führen können. Ein wenig mag sich der Leser an alte postapokalyptische Szenarien wie Zardoz erinnert fühlen. Thematisch zwar vollkommen anders angesiedelt, ist die Grundstimmung ähnlich seltsam. Gemeinsam mit Andrax und Holernes erlebt der Leser einen Kult, der dem Eckigen huldigt und alles Runde verdammt. (Als Holernes einen Fußball formt, möchte man beinahe ausrufen: Das Runde muss in das Eckige.)
Totentänze wird sogleich wieder handfester nach einem Ausflug in die Wirren des menschlichen Machtdenkens. Grusel ist angesagt. Ein fliegender Geselle wirkt wie eine Hommage an eine Geschichte um Conan, das Gastspiel eines Monsters von Frankenstein ist weitaus deutlicher erkennbar. Es ist auf den ersten Blick kurios, wie der Schwenk von einem Auftakt der Handlung in eine völlig andere Richtung gelingt. Auf den zweiten Blick ist es erzählerischer Wagemut, einfach einmal (oder immer öfter) die Grenzen zu sprengen und ausgetretene Pfade zu verlassen. Das Motto lautet: Alles, nur nicht langweilig. Dazu lässt sich nur sagen: Aufgabe begriffen, Umsetzung perfekt gelungen, sehr gut.
Ein schöner und über die Maßen spannender Abschluss. Andrax zeigt einen Ausschnitt der großen Bandbreite seiner Abenteuer, unter denen für jeden SciFi- und Fantasy-Fan etwas dabei ist. Großes Pulp-Kino mit Humor, Klassiker und Vorreiter zugleich, der mit dieser fünfbändigen Ausgabe eine tolle Wiederauferstehung feiern konnte.
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