Der Gouverneur hat die Attacke von Michonne überlebt. Michonne, die junge Frau, die von ihm auf das Schrecklichste gepeinigt worden war, hat sich mit ebenso großer Brutalität gerächt. Aber was vom Gouverneur übrig geblieben ist, denkt gar nicht an Aufgabe. Ganz im Gegenteil. Nach dem Verlust eines Armes, eines Auges und der Malträtierung diverser anderer Körperteile ist Rache sein vorrangiges Lebensziel. Die kleine Gruppe von Überlebenden im ehemaligen Gefängnis kann sich ausmalen, dass diejenigen, die in Woodbury unter der Knute des Gouverneurs Zuflucht gefunden haben, nicht lange mit ihrer Rache auf sich warten lassen. Die Angst geht wieder verstärkt um.
Leider glauben die Menschen von Woodbury die Lügen des Gouverneurs. Eine Rotte von Fahrzeugen macht sich auf den Weg. Nach kurzer Suche wird das Gefängnis gefunden, die Angreifer nehmen Aufstellung und stellen ein Ultimatum. Wie es nicht anders zu erwarten, verstreicht die Aufforderung zur Aufgabe ohne eine Antwort. Aber die Angreifer haben nicht mit der energischen Gegenwehr gerechnet und werden in die Flucht geschlagen. Zunächst jedenfalls.
Eine Handlungslinie findet ihr vorläufiges Ende. Wer glaubte, den verschiedenen Charakteren, die bisher zusammengefunden hatten, werde eine Verschnaufpause oder gar eine hoffnungsvolle Zukunft gegönnt, sieht sich getäuscht. Der Autor Robert Kirkman bricht mit alten Erzählrichtlinien und zeigt, was die Handlung ausmacht: Die Apokalypse.
Als Leser der vorherigen Episoden kann wohl niemand behaupten, dass es besonders ruhig zugegangen ist. Selbst die Sequenz, als die kleine Gruppe Flüchtlinge ihr Zuhause in einem ehemaligen Gefängnis fand, hatte keinesfalls eine besondere Ruhe als Grundstimmung. Im Gegenteil: Kirkman scheint diesen Hoffnungsschimmer nur derart detailreich aufgebaut zu haben, um ihn noch effektvoller einreißen zu können. Dazu schuf er mit dem Gouverneur das perfekte Werkzeug. Dieser Mann, der sich zum Anführer einer anderen Gruppe von Überlebenden aufgeschwungen hat, ist durch und durch pervers. Nach diversen Eskapaden in der Vergangenheit setzt Kirkman mit ein paar kleinen Einschüben noch einen drauf. Wer dachte, Michonnes Rache sei die bisherige Krönung menschlicher Bestialität gewesen (obwohl aus Rache geboren), sieht sich hier eines Besseren belehrt. Kirkman schenkt dem Leser nichts.
Wer seit der ersten Episode dabei ist und den Umstieg der Zeichner, von Tony Moore auf Charlie Adlard, mag seinerzeit einem Tony Moore etwas hinterher getrauert haben. Doch die viel strengeren und kantigeren Grafiken Adlards haben sich entwickelt. Sie sind ausdrucksstärker geworden, sicherer in der Ausführung, oftmals souveräner als noch zu Beginn. Wer die Serie nicht kennt, mag glauben, dass das Zeichnen von Monstern und Zombies so schwer nicht sein kann. Weit gefehlt, nicht nur, dass ein gutes Zeichnen von Monstern und Zombies sehr wohl nicht so einfach ist, so muss Adlard den überwiegenden Teil der Geschichte Bilder mit ganz (zumeist) normalen Menschen anfertigen.
Es sind Menschen in einer ausweglosen Situation, nicht ganz LOST, eher schlimmer, denn für sie gibt es keinen Punkt auf Erden, an dem noch von Sicherheit gesprochen werden kann. In vielen Szenen kommt es auf die Gesichter an, den Teil der Handlung, den sie alleine durch Mimik hinzufügen oder durch ihre Gestik unterstreichen. Die Hauptfigur, der ehemalige Polizist Rick Grimes, ist durch die Vielfalt der Charaktere in den Hintergrund gerückt, aber nicht überflüssig geworden. Kirkman scheint sich dieses Umstandes bewusst geworden zu sein, denn die Umstände rücken Grimes stärker hervor, fast stellen sie die Stunde Null der Handlung wieder her.
Ein Handlungsbogen schließt sich mit aller Brutalität, die der Leser bisher kannte und mit Einzelheiten, die noch einmal zu schockieren wissen. Hoffnung wird zerstört und selbst der Schluss kann nicht versöhnen. Furchtbar für die einzelnen handelnden Personen, aber auch furchtbar spannend für den Leser. Robert Kirkman liefert hier sein Meisterstück ab. 🙂
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