Zum Inhalt springen


Comic Blog


Dienstag, 10. März 2009

Isnogud – Buch 4

Filed under: Cartoon — Michael um 17:55

Die gesammelten Abenteuer des Großwesirs Isnogud - Buch 4Eigentlich sollte man in einer Muschel das Meer rauschen hören. Aber Isnogud, der mit seiner Fragerei den Andenkenhändler gehörig genervt hat, flutscht gleich am Stück durch die Muschel und landet wie durch Zauberhand auf der Andenkeninsel. Und was das für eine Insel ist! Muscheln bedecken den Strand und spießförmig konstruierte Türmchen wachsen aus der Wiese. Es ist eine Welt, in der sich ein Andenkenhändler selber wegradieren kann. Am Ende … Nun, fest steht, dass sich Isnogud die Welt so nicht vorgestellt hat.

Himmel und Hölle. Wie macht man aus einem recht alten und bekannten Kinderspiel einen wunderbaren Sketch? Rene Goscinny hat dieses Meisterstück (und genau das ist es) des Humors mit einem ganz kleinen Trick bewerkstelligt. Wer es aus der Hölle, am unteren Ende der auf dem Boden nummerierten Kästchen, hüpfend in den Himmel schafft, am oberen Ende der Kästchen, wird wieder zum Kind. Für Isnogud ist dieser Zaubertrick eine tolle Sache. Jetzt muss nur noch der Kalif dazu gebracht werden, über die Kästchen zu hüpfen und schon ist er minderjährig und nicht mehr regierungsfähig.

Aber, wie so oft, wenn Isnogud seinem Kalifen eine neue Falle stellt, muss diese auch getestet werden. Ein im wahrsten Sinne des Wortes kindlicher Spaß, nur zu kurz. Dafür lässt es Goscinny im ersten Teil dieses Sammelbandes so richtig krachen. Schlag auf Schlag kommen die Gags unter dem Titel Isnogud der Listige. Der Großwesir ist hier zwar wieder einmal sehr bemüht am Werke, doch vom Glück gesegnet, ist der von Missgunst zerfressene hohe Beamte im Dienste des Kalifen von Bagdad nicht.

Ich will ein Walkie-Talkie!

Zwar versucht es Isnogud einmal durch die Blume zu sagen, doch in einer anderen Episode ist es so klar wie Kloßbrühe: Jeder in Bagdad weiß um den Wunsch des Großwesirs. Nur der Kalif weiß es nicht. Goscinny kann sich eine Verbindung des magischen Bagdad mit unserer Welt nicht verkneifen. Eines Tages gelangt Isnogud in den Besitz eines Ottoquell-Katalogs. Mit diesem wundersamen Druckwerks lässt sich einfach alles bestellen, vorzugsweise das, was in der Welt von Isnogud noch gar nicht existiert. Sobald der Großwesir über ein Walkie-Talkie Kontakt zu einer französischen Polizeistreife aufnimmt und diese für Dschinnis hält, ist vom Schmunzler bis zum Brüller alles drin.

Der Humor von Isnogud ist einigermaßen albern. Wer sich an Louis de Funes erinnern kann, ganz gleich an welchen Film mit ihm, hat so ungefähr einen guten Ausblick auf den Humor, der ihn bei Isnogud erwartet. Es ist ein Humor, wie er gerne einmal kopiert wurde, auch im nichtfranzösisch sprechenden Ausland, aber erreicht wurde er andernorts nur sehr selten. Goscinny wusste, und das zeigt sich hier einmal mehr, wo er zu beginnen hatte und wo Schluss war. Paradebeispiele im zweiten Teil des vorliegenden Sammelbandes sind Der Türkenkopf (über ein verzwicktes Puzzle), Ein Gesang, der erstarren lässt (über eine außergewöhnliche Meerjungfrau) und Der magische Kalender, in dem sich Zeichner Jean Tabary höchstselbst einen Gastauftritt hineingezeichnet hat. Isnoguds Abenteuer oder auch Sketche, ganz wie es ein jeder für sich zu definieren vermag, sind teilweise wie ein Countdown konstruiert und zu jeder Stufe mag man denken: O, nein, der arme Kerl! Oder: Geschieht dir ganz recht!

Jean Tabary bringt sich als Zeichner mit alten Episoden ein, erkennbar an der deutlich schlankeren Gestalt Isnoguds und einem weniger ausgeprägtem Gesicht, doch vermehrt mit neueren Geschichten aus der Feder von Goscinny. Aus dieser neueren Zeit stammen die einseitigen Episoden des dritten Teils des Sammelbandes mit dem Titel Düstere Aussichten. Was wäre wenn oder besser: Wenn ich … wäre …
Mit einer einfachen Ausgangslage erzählen Goscinny und Tabary in wenigen Bildern einen Witz, einen Sketch, eine Annekdote. Dieser Ausbruch aus der gewohnten Erzählweise ist auf den ersten Blick unspektakulär, aber am Ende hat man gerade diesen Teil am schnellsten verschlungen (lesend, versteht sich) und am meisten gelacht. (Besonders bei der vorletzten Episode. Warum, das soll jeder für sich herausfinden.)

Goscinny, ein Meister seines Fachs, fehlt in der heutigen Comic-Welt. Ein richtig würdiger Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Sein Humor ist nicht nur zeitlos, er wird wie die Mode immer aufs Neue modern. Mit dem von Jean Tabary besonders später genial interpretierten Isnogud ist eine Figur entstanden, über die der Leser immer noch herzhaft lachen kann. 🙂

Die gesammelten Abenteuer des Großwesirs Isnogud, Buch 4: Bei Amazon bestellen

Keine Kommentare »

No comments yet.

RSS feed for comments on this post. | TrackBack URI

Leave a comment

You must be logged in to post a comment.