Der kleine Trupp der blau uniformierten Unionstruppen bewegt sich vorsichtig mit Ross, Reitern, Fußtruppen und Planwagen über die offene Ebene. Sie sind vorsichtig und halten Ausschau. Den Hinterhalt der Konföderierten übersehen sie. Kurz darauf krachen die Gewehre und Pistolen auf beiden Seiten des Weges. Die Unionssoldaten wehren sich, verschanzen sich und wagen einen Ausfall. Am Ende bedecken Leichen die Ebene.
Michel Blanc-Dumont ist ein Figuren-Architekt. Zufälle sind in seinen Zeichnungen ausgeschlossen. Die Geschichte aus der Zeit der Jugend von Blueberry beginnt mit einem Scharmützel zwischen Konföderierten, Südstaatlern, und Unionstruppen, Nordstaatlern. Blanc-Dumont gestaltet die Szene auf den ersten drei Seiten wortlos. Das mag natürlich auf das Skript von Autor Francois Corteggiani zurückgehen, aber letztlich spielt das für den Leser keine Rolle. Wortlos, filmisch gesprochen tonlos, zieht die Szene an einem vorüber. Man erwartet die Schmerzens- und die Todesschreie zu hören, doch sie bleiben aus.
Ob Jean Giraud oder Colin Wilson, die beiden künstlerischen Vorgänger von Michel Blanc-Dumont, keiner der beiden arbeitet mit dieser geradezu sezierenden Gründlichkeit, wie Blanc-Dumont sie an den Tag legt. Auch Giraud, der als Moebius einen viel feineren Strich fährt, erreicht nicht diese Zerbrechlichkeit der Grafiken. Blanc-Dumont verweigert sich auch der Karikatur, wie sie ein Giraud manchmal in Ansätzen verwendet, um eine optische Aussage über eine seiner Figuren zu treffen. Hier versteinert Blanc-Dumont seine Charaktere eher, engt sie ein, macht manchmal Büsten aus ihnen und verwendet gerne einen gut getroffenen Blickwinkel mehrmals.
Der Steifheit mancher Eindrücke steht die Detailfreude und der Eindruck einer möglichst anatomisch und historisch genauen Darstellung entgegen. Blanc-Dumot könnte die Bilder von alten Fotografien abgemalt haben. Menschen und Landschaft stehen hier im Vordergrund. Für Städte oder kleinere Ortschaften gibt die Geschichte keine Spielorte her.
Schattierungen werden beinahe ausschließlich über Tusche erreicht, kaum über die Kolorierung. Die so sehr plan aufgetragene Farbe trägt zur Künstlichkeit der Bilder bei. Die sehr genaue Zeichnung Blanc-Dumonts zieht das Auge heran, die Kolorierung von Claudine Blanc-Dumont stößt es wieder ein Stück zurück, hält den Leser auf einem Zuschauerplatz. Bei Jean Giraud war der Leser stärker eingebunden.
Eine Stimme aus dem Off klärt schließlich über das eingangs erwähnte Scharmützel, die Schlacht am Cumberland River, auf. Es ist eine jener ungezählten Schlachten, die neben den klangvolleren Begebenheiten historisch verblassen, obwohl sie ebenso viel Leid brachten.
Aber was geschah danach?
Egal, wer eine Schlacht gewinnt, ob beide Seiten verlieren oder sich zurückziehen, jemand muss ein Schlachtfeld aufräumen. Es sind gerade diese Arbeiten, die mit Tapferkeit nichts zu tun haben, die den Einsatz für Blueberry bedeuten. Zusammen mit seiner Einheit erreicht er den Schauplatz des Geschehens. Es werden Gräber ausgehoben und die Leichen vom Schlachtfeld getragen. Doch diesmal sind nicht alle tot. Corteggiani benutzt die indianischen Helfer auf beiden Seiten als Bindeglied zwischen den beiden verfeindeten Seiten. Beide Seiten nutzen sie, in Wahrheit arbeiten sie nur für sich.
Corteggiani führt den Leser gerne in die Irre. Zu Beginn weiß man nicht, wo die Geschichte münden wird. Als man es zu wissen glaubt, schlägt Corteggiani einen unerwarteten Haken und alles ist wieder offen. Wie das Ende, denn leider muss sich der Leser bis zur Fortsetzung gedulden, um das Ende zu erfahren.
Ein dunkles Kapitel abseits der großen Ereignisse im amerikanischen Bürgerkrieg. An der Seite von Sergeant Grayson, Blueberrys indianischem Freund, deckt der junge Abenteurer eine Verschwörung auf. Tragisch, geheimnisvoll, spannend, anders erzählt als gewöhnlich. Aber neue Besen kehren auch gut. 🙂
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