Andrax und sein königlicher Freund Holernes irren durch die glühende Hitze. Nicht nur ihre Geduld neigt sich dem Ende zu. Auch ihre Kräfte halten unter einer sengenden Sonne nicht mehr lange durch. Nach der Überquerung eines Gebirgsgrads sehen sie sich im folgenden Tal plötzlich einem riesigen fruchtbaren Gebiet gegenüber: die Rettung ist nahe. So glauben sie jedenfalls. In Wahrheit kommen die beiden Freunde vom Regen in die Traufe. Eine geheimnisvolle Herrscherin hat das Gebiet über ihre stummen grobschlächtigen Diener unter Kontrolle. Alle fürchten sie – und noch mehr ihre Experimente.
Sein oder Nichtsein – das ist hier die Frage. Dieses Zitat von William Shakespeare, entnommen seinem Drama Hamlet, steht der nächsten Andrax-Episode mit dem Titel Mörderische Hände voran. Der Sportler aus der Vergangenheit sieht sich plötzlich mit Mönchen konfrontiert, die eine Form der Kampfkunst über die Jahrhunderte bewahrt haben. Alleine haben Andrax und Holernes gegen diese versierten und waffenlosen Kämpfer keine Chance. Der letzte Spross einer Königsfamilie kann die beiden Freunde im letzten Augenblick retten.
Die Irrwege des Schreckens führen die Freunde noch in zwei weitere Abenteuer. Wie relativ Schönheit sein kann, erfahren die beiden Kämpfer am eigenen Leib. Weder Andrax noch Holernes hätten sich für schreckliche Kreaturen gehalten. Doch der Blick auf etwas ist immer höchst individuell und so treffen sie auf ein Volk, das die beiden Menschen für das Schrecklichste hält, was jemals in ihr Land eingefallen ist. Andrax und Holernes ihrerseits erschrecken selbst beim Anblick dieser Wesen. Aber im hässlichsten Körper kann ein goldenes Herz wohnen.
Mit Herzen ist das aber so eine Sache. So manches Sinnen und Trachten kann ihnen einen Fluch aufladen. Andrax und Holernes, die nichts anderes wollten, als den Hafen von Agemnos zu erreichen, finden sich ohne Vorwarnung in einem neuen Abenteuer wieder. Die Schiffe der lebenden Toten bekämpfen sich jeden Tag aufs Neue. Können Andrax und Holernes den Fluch brechen?
Eine dumme Frage eigentlich. Natürlich können sie. Nur wie? Der Vielfalt der Abenteuer ist in der Welt von Andrax keine Grenze gesetzt. So darf sich der Leser im vierten Band der Reihe auf eine größenwahnsinnige und wunderschöne Frau freuen, die in allerbester mad scientist Manier ihre ganz eigene Vorstellung von einem Leben mit Andrax hat. Körpertausch, falsch verstandene Monster, Kannibalen, verfluchte Geister oder außerirdische Eiskreaturen. Der Erfindungsreichtum schafft stets neue Spannung, bringt die guten alten Serienkonzepte, die schon bei Flash Gordon oder Buck Rogers Anwendung fanden zu Papier. Es gibt das Abenteuer im Abenteuer und eine Fülle von Wesen, denen sich Serien-Miterfinder Peter Wiechmann und Zeichner Jordi Bernet mit einer wahren Gestaltungs- und Erzählungswonne widmen.
Zur Hölle und zurück ist die erste Geschichte des vorliegenden Bandes und ein hervorragendes Beispiel für die kleinen Einfälle am Rande, die aus den einzelnen Handlungen einen besonderen Spaß machen. Andrax findet einen lebenden Kopf, der ihn über die Hintergründe der geheimnisvollen Herrscherin aufklärt. Aus heutiger Sicht mag es fast wie eine Mischung aus Satire auf den Jugendwahn und einem Schreckenskabinett ohne Professor Bondi wirken. So manche Kreatur verfehlt auch heute ihre Wirkung nicht. Die augen- und nasenlosen Vampire, die, frei gelassen aus ihrem Gefängnis, in den finsteren Gewölben über ihre Peiniger und Wärter herfallen, würden sich auch gut in aktuellen Horrorgeschichten ausmachen.
Es Jordi Bernet zu verdanken, dass die unterschiedlich langen Geschichten so gut gelingen. Mit dem gleichen Schwung, mit dem er seine schönen Figuren angeht, bedient er auch die hässlichen wie auch furchtbaren Gestalten. Die erwähnten Vampire betrifft das ebenso wie Fischmenschen, Piraten oder Kraken. Bernet ist ein Künstler, der sich keiner Erzählrichtung in der Andrax-Reihe verschließt. Die Serie ist dem phantastischen Genre zuzuordnen, aber dank Bernets Bilder findet sich hier Fantasy Seite an Seite mit Science Fiction, Horror, aber auch feinem Humor. Ein Ergebnis dieses Humors sind krötengleichen Wesen mit drei Augen, ohne Nasen und Lippen, dafür ausgestattet mit einem kräftigen Gebiss.
Ausgerechnet für jene Wesen sind Andrax und Holernes Ausgeburten der Hölle, glatt wie Schlangen und nur mit zwei Augen versehen. Es ist köstlich, wenn die Königin dieser Wesen bei Andrax’ Anblick in Ohnmacht fällt. Und noch besser ist es, wenn Bernet selbst mit diesen Figuren die Sympathie des Lesers zu wecken vermag.
Die Bilder, rein schwarzweiß gezeichnet, lassen keine Farbe vermissen. Sie entwickeln eine filmische Eigendynamik, die an Trash Klassiker erinnert. Leser, die sich an den erwähnten Serien wie Flash Gordon erfreuen konnten, die ihren Spaß an Barbarella hatten oder auch eine größere Bandbreite in Barbaren-Comics brauchen, als es eine Reihe wie Conan zu bieten vermag, finden sich optisch genau am richtigen Platz, da Bernet auf Augenhöhe mit einem Zeichner wie John Buscema rangiert.
Eine große Ideen- und Bildervielfalt mit vielen Höhepunkten. Bei einigen fast schon beiläufig eingestreuten Ideen ist man als Leser traurig, dass diese nicht noch weiter ausgebaut wurden. Aber Andrax wird schnell erzählt, Langeweile soll es nicht geben und gibt es auch nicht. Fantasy, Horror und Humor finden hier ein tolles und stimmiges Arrangement, erzählerisch wie auch grafisch.
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