Dieses Lebewesen ist größer als eine Giraffe und viel stämmiger als ein Elefant. Trotzdem steht es mit der größten Selbstverständlichkeit neben zwei Giraffen und lässt sich die Spitzen eines Baumes schmecken.
Die kleine Jagdgesellschaft hat noch nie ein solches Tier gesehen. Das hindert John Remington, den Schriftsteller, nicht daran, es sofort erlegen zu wollen. Innerhalb der Gruppe bricht Streit aus. Man einigt sich darauf, das Tier, wenn möglich, lebend zu fangen. Die Jagd beginnt. Aber wie fängt man ein Tier, das so groß wie ein mehrstöckiges Gebäude ist? – Auch wenn es so aussieht, als handele es sich dabei um einen Pflanzenfresser.
Die Expedition rund Kathy hört gebannt von den Erlebnissen des Safari-Helfers. Die Geschehnisse scheinen vollkommen abstrus zu sein. Unheimlich und ganz selbstverständlich unglaubwürdig. Allerdings häufen sich die Indizien, die für die Wahrheit der Erzählung sprechen. So finden sie einen Fußabdruck des riesigen Baluchitherium, einem Vorläufer der heutigen Nashörner. Außerdem sehen Kathy und ihre beiden Begleiter, der französische und der deutsche Lehrerkollege, inmitten einer Elefantenherde ein Geschöpf, das enorme Ähnlichkeit mit einem Mammut besitzt.
Selten war Afrika so unheimlich wie in Kenya. Der Untertitel Begegnungen ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen. Jede Figur der Handlung bestreitet ihre ganz persönlichen Begegnungen, von denen viele eine äußerst fatale Richtung nehmen.
Kathy, eigentlich Lehrerin, hat sich in den Busch aufgemacht. Die Berichte über die verschollene Expedition sind sehr beunruhigend. Kurzzeitig sieht es so aus, als könne ihre Reisegruppe eine reine Tatortsuche werden, bis sie schließlich ihre eigenen Begegnungen haben – gänzlich andere als jene der Jagdsafari.
Rodolphe, Autor, und Leo bauen auf sehr unheimliche Weise eine unerträgliche Spannung auf. Aus dem afrikanischen Busch wird ein Lovecraft’sches Szenario. So manches Wesen mag aus dem Biologieunterricht oder der Evolutionsgeschichte her bekannt vorkommen. Andere wiederum wirken, wie aus einer Horrorgeschichte entsprungen, deren Design der Fantasie eines H.R. Giger entstammen könnten. Und schließlich sind da noch die seltsamen Lichter über Kenya.
Ähnlich wie im zweiten Teil derLiga der außergewöhnlichen Gentlemen tut sich was am Himmel. Nichts, was technisch in diesen 30er Jahren existiert, könnte hinter diesen Lichtern stecken. Bislang beschränken sich diese Lichter auf die Auslöschung von Spuren. Und immer noch lassen Rodolphe und Leo den Leser im absoluten Dunkeln tappen – im Gegenteil setzen sie auf die bestehenden, ungelüfteten Rätsel noch mehr auf. Die beiden Erzähler spielen mit Anspielungen.
Auch der Baron hat seine Entdeckungen gemacht (fast eine kleine Verbeugung vor Tommyknockers von Stephen King). Das Ende der Geschichte hat eine Vorankündigung, die einer der besten Cliffhanger seit langem ist. Man muss von jetzt ab einfach wissen, wie es weitergeht. Interessanterweise schwebt über dieser Situation auch noch das Damoklesschwert eines neuen Krieges. Während in Afrika die Spannung steigt, driftet Europa auf die Katastrophe zu.
Rodolphes Charaktere sind keine weichgespülten Helden. Die einen sind skrupellos, andere furchtbar naiv, heldenhaft und lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen, andere sind einfach nur geile Fieslinge. Tatsächlich kann der Leser einige der Charaktere unmöglich leiden können. Aber auch das macht den Reiz von Kenya aus. Vorzeigemodelle dieser mustergültigen miesen Typen sind der Schriftsteller und Großwildjäger Remington sowie der Baron. Während der eine eher poltert, versucht der andere eine charmante Oberfläche zu wahren.
Diese beiden bilden einen guten Gegensatz zur resoluten Kathy, die immer mehr die Initiative an sich reißt und die Männer wie Statisten aussehen lässt.
Das wirklich Schöne an Kenya ist die Tatsache, dass es sich als Geschichte nicht deckeln lässt. Kenya folgt keiner Richtung. Die Details, die Funde wie auch die Charaktere, haben bereits ein solch großes Netz über die Geschichte gespannt, dass spätestens mit dem zweiten Teil ein sehr großes Rätsel entstanden ist – wohl eines der besten Comic-Rätsel.
Mystery, Grusel, Abenteuer, Rodolphe und Leo setzen die unheimliche Erzählung fort und bringen neue Spielarten hinein, die nicht vorherzusehen waren: Genial gut. 😀
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